Bemerkung zu »Berg«

annotation on »mountain«

Ruediger John

(Katalogtext)



Im naturtopologisch ebenen Teil Deutschlands scheint der Begriff »Berg« ein wesentlich anderes Bedeutungsfeld als im, an Bergen reichen, Süden zu besitzen. Im Ruhrgebiet werden Berge aus Resten von Untergrabungen aufgeschüttet, Berge werden gebaut; es existiert eine traditionsreiche Industrie die sich Bergbau nennt und eigentlich nicht zum Ziel hat Berge zu bauen, sondern Untertage zu wirtschaften.

Im Süden hingegen werden Berge bestiegen, man spricht vom »Bezwingen« eines mythisierten Hindernisses, ein Vorgang zur Beschreibung von Erfolg, welcher sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch manifestiert hat; man bebaut und bewirtschaftet die Berge landwirtschaftlich, teils einfach weil sie kaum Platz für Täler zwischen ihnen lassen.

Etymologisch läßt sich die Verwandtschaft einfach klären, von Interesse sind jedoch besonders die ästhetischen Implikationen der Veränderung von Topologie und insbesondere deren subjektive Rezeption (beispielhaft der terrassenförmig bearbeitete Erzberg in der steirischen Hochgebirgslandschaft (fig. 1) als Gegenform zu der Kupfermine im Tagebau in Ajo, Arizona (fig. 2) oder der böhmische Bergort Joachimsthal (fig. 3) dessen Montanindustrie die Bezeichnung der Münze »Taler« und »Dollar« entstehen ließ).

Doch wer weiß besser Bescheid über die definitorische und ästhetische Verschiebung des Begriffes »Berg«, als die Personen, die sich in ihrem Beruf/Alltag dem zu stellen haben? Wie könnte man besser etwas über das Lebensgefühl erfahren, als regionale Musik hierzu zu hören?

Denn stellt man einige Liedtexte über »Berg, den Berg, Berge, die Berge«, eben über das Phänomen der Definition »Berg« im weitesten Sinne gegenüber, so finden sich in jedem Falle eklatante Häufungen der Worte »rauf« und »runter« wieder – Thema sind also eigentlich nicht primär topologische Erhebungen und Positionen, sondern vielmehr Richtungen und Dynamik – wie die Musik eben so spielt.

Deshalb geben original Spielmannszüge aus dem Ruhrgebiet und originale Trachtenkapellen aus dem Schwarzwald zum Frühschoppen in der Ausstellung ihr Liedgut zum Besten und Gehör.

Und wenn man nun diese traditionell uniformierte Musikermenge durch die Ausstellungsräume marschieren läßt, in Formation, nach selbstgespieltem Rhythmus, lautstark mit schimmernden Instrumenten, ein ephemeres Ereignis, relativiert sich nicht nur der Blick auf die dort ausgestellten, künstlerischen Interpretationen zu diesem Ausstellungstitel, sondern man durchkreuzt mit dem, in diesem Kontext exotischen, Auftritt vor allem auch Erwartungshaltungen und die Wertung und Unterscheidung zwischen »Kunst« und »Folklore«, »Objekt« und »Aktion«.

Ein Kulturaustausch findet also nicht nur zwischen den geladenen Kapellen statt, deren gemeinsame Wurzeln offenbar sind; sondern es entstehen kulturelle Verbindungen zwischen den Rezipienten die der Einladung zum Frühschoppenkonzert mit Kapellen gefolgt sind, und den aufgrund der Kunstausstellung anwesenden. Die auf einfache Weise zueinander in Beziehung gestellten Bedeutungsfelder fordern im besten Falle die kontemplative Betrachtung und Selbstreflexion.

fig. 1 terrassenförmiger Erzberg im steirischen Hochgebirge

fig. 2 Tagebau Kupfermine in Ajo, Arizona

fig. 3 Joachimsthal, Böhmen


CITATION/BIBLIOGRAPHY »Der Berg«, Ausstellung im Heidelberger Kunstverein 2002
CITATION/BIBLIOGRAPHY »Der Berg«, Katalog, Hrsg. Hans Gercke, Kehrer Verlag Heidelberg, 2002, ISBN 3-933257-98-0
CITATION/BIBLIOGRAPHY John, Ruediger: ›Bemerkung zu »Berg«/annotation on »mountain«‹ in »Der Berg«, Hrsg. Hans Gercke, Kehrer Verlag, Heidelberg 2002