Das Raster der Maschinen brechen

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Bertram Rusch



Smarte Systeme bestimmen zunehmend die Abläufe der Welt – und damit den menschlichen Aktionsradius. Diese Strukturen aufzubrechen und die Wahrnehmung zu sensibilisieren, ist eines der Ziele künstlerischer Interventionen. Das tut der Künstler Ruediger John im Rahmen des Magazins „auf – Magazin für Zwischenfragen“.

ISO, DIN, Null-Fehler-Prinzip, Nano-Technologie; alles Schlagworte dieser Zeit, die unmittelbar mit einem übergeordneten Begriff abgrenzbar sind: Perfektion. In der heutigen hochindustrialisierten, hochtechnisierten und mittlerweile schon autonom agierenden „smarten Welt“ wird versucht, das evolutionäre und tief verwurzelte „Trial and Error“-Prinzip durch Algorithmen und ausgeklügelte Mechanismen weitgehend auszuschalten. Elektronische Systeme im Fahrzeug, intuitiv bedienbare Oberflächen bei Computern, aber auch Fertigungsanlagen in Industriebetrieben streben zur Effizienz – und verkleinern damit zunehmend den menschlichen Handlungskorridor. Wo früher manuelle Fertigungsverfahren für Individualität und Abgrenzung sorgten, finden sich heute zunehmend algorithmusgestützte Herstellungsprozesse in Industrie wie Haushalt, die wichtige Fertigkeiten übernehmen oder unterstützend wirken, etwa in Bleisatz oder Graphik.

Schnellere und „sauberere“ Abläufe sowie ein hohes Niveau an Qualität, Normierung und damit Austauschbarkeit sind das Ergebnis. Ein bekanntes Beispiel ist die ISO-Norm ISO:9001 im Rahmen des Qualitätsmanagements. Dass aber auch die gezielte Störung derartiger Qualitätsmechanismen einen interessanten Ansatz darstellt, zeigt sich beispielsweise in der Produktion der neuen Ausgabe des „Magazin für Zwischenfragen“.

Denn neben Effizienz und Qualität kann dieses heutige Maß an Technisierung ebenso zu „Konfektionierung und Anleitung bis hin zu Beschränkung“ führen, so der Künstler Ruediger John: „Man kann deutlich feststellen, wie bestimmte technische Möglichkeiten Ausdrucksformen und Wahrnehmungen im Alltag bestimmen.“ Dass sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung über große geschichtliche Zeiträume verändere, schrieb Walter Benjamin schon 1935 im Kontext des neuen Massenphänomens Fotografie. Zwar ursprünglich bezogen auf die Rezeption der Kunst, sind seine Gedanken heutzutage analog auf die Auswirkungen der elektronischen Systeme auf unseren Alltag übertragbar.
Trotz Individualisierungstendenzen im Zuge industrieller „Mass Customization“-Prozesse wird ein bestimmter Grad an Konfektionierung und Standardisierung jedoch nicht unterschritten.

In etablierte Systeme eingreifen

Dies ist genau der Ansatzpunkt von Ruediger John, der im Rahmen künstlerischer Interventionen in bestehende Abläufe und Routinen eingreift und eine „kontextuelle Verschiebung und damit eine Wahrnehmungsveränderung“ hervorrufen will. Diese Interventionen sind auch dem Bereich der Wirtschaftsästhetik zuzuordnen, der sich beispielsweise mit der Gewinnung neuer Perspektiven auf der Ebene ganzer Organisationen, bestimmter Teilgruppen oder auch Einzelpersonen beschäftigt.

Eine dieser Interventionen führt John nun im Rahmen des „auf“-Magazins durch. Dessen erste drei Ausgaben wurden von ihm als Creative Director künstlerisch mit konzeptioniert und ebenso operativ umgesetzt. Wichtiges Konzeptelement ist dabei, dass sich der künstlerische Beitrag „nicht nur mäandernd durch die Publikation zieht, sondern dabei auch mal engere, mal weitere Assoziationen zu den Texten und Themen eingeht“.

Inhalt & Form: Stringenz im Zusammenspiel

Die aktuelle Ausgabe #03 zu politischen und gesellschaftlichen Bewegungen trägt den Titel „Bürger. Macht. Staat?“. Neben dem interventionistischen Gesamtkonzept des Magazins wurde in diesem Fall auch der Herstellungsprozess derart aufgebrochen, dass selbst die Gestaltung der Printprodukte in ihrer Dynamik und Singularität dem Thema entspricht: Mit jedem Exemplar entstand ein Unikat. Eine manuelle Intervention bildet hierbei den wichtigen Bestandteil, um die Uniformität der Maschine aufzuheben – und so das eigene Handlungsspektrum zu vergrößern: „Indem wir ganz konkret die Druckmaschine geöffnet und manipuliert und damit die Computersteuerung ausgetrickst haben, hatten wir mehr Möglichkeiten als zuvor, um Neues entstehen zu lassen.“ Damit öffnet sich auch Raum für zufällige Entwicklungen, sodass in diesem Fall auch erfahrene Druckexperten neue Erfahrungen sammeln konnten.

Freiheitsgrad für Künstler groß halten

Der Freiheitsgrad künstlerischer Arbeit an der „auf“ wird dabei bewusst groß gehalten, die Kunst sei „keine Streckendefinition, keine Spielfeldabgrenzung“, vielmehr solle eine permanente Verbindung geschaffen werden, so Kommunikationsdesigner Philipp N. Hertel, Art Director und Projektleiter des Magazins. Mit dem Freiraum wird ein wichtiges Kriterium künstlerischer Interventionen erfüllt: dass sich Unternehmen auf die Kunst einlassen und die Pfade des Geplanten tatsächlich verlassen. Greifen Künstler in Prozesse ein, können sie Ineffizienzen und Dissonanzen zu Gewohntem schaffen und versuchen, diese Dynamiken als Anregung und für Erkenntnisgewinne zu nutzen. John: „Hier kann ich in meiner Weise kritisch-ästhetisch wirksam eingreifen und spannende Ergebnisse entstehen lassen.“

Qualität für den Papierkorb

Auch in der konkreten Magazinherstellung spiegelt sich dieses Prinzip in manuellen Eingriffen in die regulierenden Automatismen der Produktionsanlagen wider. „Die ersten Chargen landeten deswegen im Abfall, da die Farbtöne noch nicht perfekt waren“, beschreibt Volker Eyrich, Projektberater beim Bodensee Medienzentrum, den etwa 20 Stunden dauernden, iterativen Druckprozess. Der „Irisdruck“, ein Verfahren für weiche Farbverläufe, wurde so weit verändert, dass etwa Farbspektrometer und Verreibeeinrichtungen der Druckmaschine durch manuelle Führung die gewünschten Unterschiede produzieren. Das gewünschte Produkt entwickelte sich somit sukzessive im Spiel mit der Maschine. Auf der einen Seite ein „Kampf“, wie es Eyrich beschreibt. Auf der anderen Seite der gewünschte Bruch routinierter Handlungen und das Neuland, wie sie Ruediger John in seinen Arbeiten provozieren und produzieren will. Zusammen mit den dadurch entstandenen, variierenden „Farbtendenzen“ und in Verbindung mit drei verschiedenen Umschlagversionen soll dem Leser so der „ausschnitthafte und damit unvollkommene“ Blick verdeutlicht werden, den ihm eine nur einzelne Zeitschrift zu gewähren in der Lage ist. Sie wird zur Intervention gewohnter Magazinmuster.

Interventionen als notwendige Entwicklung?

Dass künstlerische Interventionen an Relevanz gewinnen werden, ist sich John sicher. Im größeren Wirtschaftskontext, also über einzelne Künstler hinausgehend, zeigen sich dazu bereits etablierte Strukturen beispielsweise in Schweden, Spanien oder Frankreich. Dort finden sich sogenannte Intermediäre: Organisationen, die Künstler und Unternehmen zusammenführen und die Interventionen administrativ betreuen.

Verfolgt wird auch dort die Revision bestimmter Verhaltensmuster, beispielsweise durch Dissonanz zu Gewohntem und durch Irritation. Wie es auch die „auf“ konzeptuell versucht. John formuliert es so: „Das Magazin bleibt weiter ein Experiment und Work-in-Progress, muss nicht jedem sofort offensichtlich sein oder gefallen, muss aber anregen oder – noch besser, meine ich – aufregen.“

Link zum Originaltext: http://www.zu-daily.de/daily/tiefenbohrung/2012/raster-der-maschinen-brechen.php


CITATION/BIBLIOGRAPHY Rusch, Bertram: ›Das Raster der Maschinen brechen‹, zu|Daily, Zeppelin University, Friedrichshafen 2012; Fotos: Engelbert Rief/BMZ

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