Funktionen und Freiheiten der bildenden Kunst

Auszug aus der Publikation ›TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft‹, Klaus Heid, Ruediger John (Hrsg.), [sic!] – Verlag für kritische Ästhetik, Baden-Baden 2003, ISBN 3-933809-46-0

Ruediger John




Die sogenannte Freiheit der Kunst ist in erster Linie deren Loslösung von traditionellen funktionalen Aufgaben in ihrer Entwicklung zu einem autarken gesellschaftlichen Subsystem und damit Disziplin.

Seit der Antike war es die gesellschaftliche Funktion der bildenden Kunst als Handwerk, Ikonographien für Kirche und Staat zu erstellen, also Bebilderungen sowohl der Insignien von Macht als auch der Erzählungen und Argumente (Geschichten und Mythen) der Erhaltung dieser zu liefern1. Die bildende Kunst (jedoch als solche noch nicht definiert) stellte in einer weitgehend analphabetisch geprägten Kultur somit ein prämodernes Massenmedium dar2.

In der Moderne löste sich die enge Bindung der bildenden Künstler an die traditionellen Auftraggeber Kirche und Staat, auch wenn letzterer bspw. in Frankreich durch die Salonausstellungen und die Académie des Beaux-Arts nach wie vor erheblichen Einfluss ausübte. Mit der Manifestation der bürgerlichen Mittelschicht im 19. Jh. setzte sich eine neue Zielgruppe durch, die die Künste als Mittel zur Repräsentation von den (vormals) Herrschenden adaptierte. Da sich dieser Teil der Bevölkerung jedoch bspw. nicht mehr primär über christliche Themen definierte, entstand ein Interesse an Abbildungen zeitaktueller Begebenheiten, die nicht zuletzt auch durch neue Arbeitsweisen und Stilmittel3 akademisch komponierte Bildkonstruktionen ablösten und z.T. eine subjektiv initiierte Reportage des aktuellen Geschehens und der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellten. Erstmals entstanden Kunstwerke frei von direkten Aufträgen4, ein Markt dieser handelbaren Objekte entstand und damit die Grundlage, die bildende Kunst als eigenständigen Berufszweig aufzufassen. Nicht zuletzt durch die Fotographie von der gesellschaftlichen Funktion der Hofberichterstattung und der des Massenmediums befreit, konnte sich die bildende Kunst ornamentalen Aufgaben5 widmen und, gleich einer modernen Heraldik, den Käufern als sozialer Marker dienen. Das Kunstwerk fungiert so als Insignie der gesellschaftlichen Stellung, wie auch der beispielhaften Visualisierung des kulturellen Anspruchs der besitzenden Person.

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Schlagworte: Glossar n, kritische Ästhetik, künstlerische Kompetenz, Wirtschaftskultur durch Kunst, public understanding of science, Transferkunst, Transferart, third culture, new economy ethics, modern economy, Wirtschaft und Ethik, Wissenschaft und Kunst, politics and aesthetics, Politik und Aesthetik, Ruediger John, Klaus Heid

Klaus Heid, Ruediger John (Hgg.): TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft, Baden-Baden: [sic!] – Verlag für kritische Ästhetik, 2003, ISBN 3-933809-46-0


CITATION/BIBLIOGRAPHY Heid, Klaus; John, Ruediger: TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft, [sic!] – Verlag für kritische Ästhetik, Baden-Baden 2003

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