Hochglanz hautnah

Die Kunst im Magazin der Zeppelin Universität

Wie erörtert Ruediger John multiperspektivisch das Thema „Positive Distanz“?

aus: auf – Magazin für Zwischenfragen der Zeppelin Universität, Ausgabe #02, ISSN 2192-7979

Ulrike Shepherd



Was kann die Kunst? Oder sehr viel spezifischer gefragt: Welchen zusätzlichen Informationsgehalt kann die Bildstrecke des Künstlers Ruediger John zur multiperspektivischen Erörterung des Magazinthemas „Positive Distanz“ einbringen? Ulrike Shepherd, Kuratorin am artsprogram der ZU, sucht in ihrer Betrachtung der fotografischen Intervention den Mehrwert durch die künstlerische Setzung auf.

Hochglanz und Forschung

Die Fotografien mit hochglänzenden Botschaften aus Sphären wie Mode und Eros, Reichtum und Macht signalisieren dem ersten flüchtigen Blick zunächst nichts Ungewöhnliches am visuellen Magazin-Auftritt. In attraktiv schillernder Farbigkeit führen die Bilder von Kapitel zu Kapitel und rufen Erinnerungen an gewohnte Abbildungsrepertoires von Journalen und Magazinen ab. Mit dieser zweiten Ausgabe des Hochschulmagazins trifft man auf eine Gestaltung, die den ästhetischen Erwartungen an ein Modemagazin sofort gerecht wird, im Kontext Forschung jedoch überrascht. Diese Deplatzierung verführerischer Werbebilder in einem wissenschaftlichen Zusammenhang erschließt sich dem Leser jedoch bei einem zweiten Blick in Verbindung mit den Themen der Texte, wodurch der autonome künstlerische Beitrag zunehmend an Sichtbarkeit gewinnt und sich Ruediger Johns Fotografien als strategische Aneignungen aus der medialen Umwelt zu erkennen geben. Dann zeigen die Aufnahmen von Modefotografien ihre Manipulationen, Transformationen und Neuinterpretationen im Hinblick auf ihre Funktion als künstlerische Kommentierungen zum Magazinthema.

Bedeutung durch Distanz

Das Logo CHANEL könnte man in Bezug auf den Artikel als CHANge (Kleingeld, aber auch Wechsel) lesen, WIN im Bild wird zum Thema Grenzwertiges Management platziert, Beautyprodukte werden zu Petrischalen, Masken mit Kussmündern erinnern plötzlich an die Anonymous-Bewegung mit der Guy-Fawkes-Maske, Verführung wird zur Überwachung und damit der Model-Shot zur geschmacklosen Voyeurszene. Verschiebungen von Bedeutungen, Hervorhebungen, perspektivische Verzerrungen und Erzeugen von Aufmerksamkeit gehören zu Ruediger Johns künstlerischem Methodenrepertoire, über welches die gefundenen Motive mit kritischer Bedeutung aufgeladen werden. Dabei bedient sich John in seinem visuellen Beitrag spielerisch und raffniert der Werbeästhetik und übernimmt deren verführerische Aspekte mit subtiler Ironie und Sinn für das Groteske.

Bilder von Hochglanzbildern

Die Sujets, idealisierte Abbilder der Sehnsucht nach Schönheit – stereotype Männer- und Frauendarstellungen aus der Werbung, Luxusartikel und nobles Ambiente – sind aus eigenwilligen Blickwinkeln von Neuem abgelichtet, perspektivisch verzerrt, beim Fotografieren en plein air in natürliches Licht gesetzt und damit aus ihrer früheren künstlichen Inszenierung herausgefallen, verfremdet, fragmentiert, spielerisch arrangiert und ironisch interpretiert. Gezielt wurden im Kamerazoom die Spiegelungen der Hochglanzbroschüren aufgesucht, und die Licht- und Fotolinsenreflexionen sind als Spuren der Technik im Bild integriert, um die besitzergreifende Aneignung und das Zitieren fremden Bildmaterials offenzulegen bzw. unübersehbar werden zu lassen und um Aufmerksamkeit für die fotografischen Behauptungen des Künstlers zu erzeugen.

Abstand durch Nähe

Kanten im Bild, Wellen vom Umblättern, Unsauberkeiten auf der Bildoberfläche, Verletzungen im Papier: Die Kameranähe zum Sujet lässt die Materialität und mediale Verortung der Abbildungen im Magazin bewusst werden. Überspitzte Sinnlichkeit, Übertreibung des bereits Übertriebenen, porentief und pixelnah, gleitet von Fashion zu Fischen und hinterlässt gemischte Gefühle. Über die fotografische Nähe wird reflexive Distanz zu den funktionalen Bildern der Werbung erzeugt, welche, kühl und distanziert auftretend, auf Affekte und Verführung zielen. Der subjektive Kamerablick lässt die absichtsvoll erzeugten Bilder von inszenierter Schönheit in ihrer Künstlichkeit erscheinen und entmystifiziert die idealisierten Weltbilder. Mit der Entlarvung der Inszenierung durch die Sichtbarkeit des Fotografierens wird die hingebungsvolle Betrachtung gestört, das Bild als Bild wahrgenommen und die Macht des Images gebrochen

Distanz zum Text

Das eine Mal tauchen die Bilder unter den Text ab, ein anderes Mal rücken sie in ihn hinein, sie treten in Beziehung zum Inhalt oder entfernen sich auch wieder von ihm durch freie Assoziationen. Dem Text, in dessen Kontext sie stehen, können und wollen sich die Bilder inhaltlich nicht entziehen, ihre autonome sinnliche Kommentierung und die Beziehungen der Fotografien untereinander schaffen jedoch eine weitere visuelle Bedeutungsebene. Ruediger Johns fotografische Untersuchung der visuellen Wirkung von Bildern, Bildaussagen und Botschaften und die fotografisch vermittelten Erkenntnisse repräsentieren nicht Textinhalte, sondern den autonomen Informationsgehalt von Bildern.
Auf diese Weise sensibilisieren Johns ästhetische Strategien für sinnliche Wahrnehmungsqualitäten und geben Anlass, den komplexen Beziehungen zwischen Text- und Bildinhalten, Forschung und Medienwelt nachzugehen.

Ein Magazin als Kunst

Über den visuellen Kunstbeitrag hinaus wird das Magazin selbst in seiner Konzeption als ästhetische Exploration und experimentelles Untersuchungsobjekt verstanden, in welchem Fragen der Kommunikation, Informationsaufbereitung und Erkenntnisarbeit in Print und an der Schnittstelle zu Non-Print untersucht werden sollen. Für die Entwicklung der Grundkonzeption in einem kooperativen Prozess wurde der Künstler Ruediger John eingeladen, zu dessen künstlerischer Praxis eine multiperspektivische, kritische Auseinandersetzung mit konkreten Situationen und Fragestellungen für transdisziplinäres Arbeiten gehört. Ein wesentliches Element seiner Konzeption ist das Aufbrechen der sonst üblichen Raster von Publikationen.

Friedrichshafen Dezember 2011

Ulrike Shepherd (D) ist seit 2007 als Kuratorin am artsprogram der ZU tätig. Das artsprogram etabliert als Praxislinie des „Center for Arts and Research“ zeitgenössische künstlerische Praxis als Bestandteil von Lehre und Forschung.

Ruediger John (A) bedient sich in seinen künstlerischen Arbeiten sowohl situativer, installativer, interventionistischer Formen wie auch recherche- und publikationsorientierter Strategien. Seit 1997 beschäftigt er sich in theoretischen und praktischen Arbeiten in künstlerischer Forschung und systemischer Kunst. Mit der Gründung „Gesellschaft für kritische Ästhetik“ fokussierte er transdisziplinäres Arbeiten und Forschen und die Anwendung ästhetischer und künstlerischer Kompetenzen in gesellschaftlichen Subsystemen, wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, u.a. zur Verankerung eines differenzierten Reflexionswissens.

auf – Magazin für Zwischenfragen der Zeppelin Universität, Ausgabe #02, ISSN 2192-7979


CITATION/BIBLIOGRAPHY Shepherd, Ulrike: ›Hochglanz hautnah – Die Kunst im Magazin der Zeppelin Universität‹, auf – Magazin für Zwischenfragen, Ausgabe #02, ISSN 2192-7979, Zeppelin University, Friedrichshafen 2012