INDEX – Ein künstlerisches Archivierungsprojekt

INDEX – An artistic archiving project

(aus dem Katalog)











#301 Eine labyrinthische Struktur als Hort für Erlebtes: Die Künstler bewegen sich im Wirkungsfeld historischer Brüche und aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen der Bodenseeregion und der Stadt Friedrichshafen. Ihre Methode ist subjektives Forschen, Bündeln und Assoziieren. Die aus profanen Mitteln gefügte und aus den Fugen geratene Archivarchitektur lässt die gewohnte Perspektive der Beobachter ins Wanken geraten. In Licht und Schatten erweist sich die Architektur aus Lücken und Leerstellen als überraschend stabil. Das Labyrinth aus Präsentations- und Projektionsflächen lädt die Besucher ein, Zusammenhängen zwischen Erinnerungskultur, der Konstruktion von gemeinschaftlicher Identität und individuellem Bewusstsein nachzuspüren. Die Vielzahl möglicher Wahrheiten liegen im Halbdunkel der Gänge und Nischen verborgen.

#302 Falten und Reflexion von Erinnerungen: Die faltige Oberfläche eines spiegelnden Vorhangs, auf zwei Raumseiten installiert, bildet ein verzerrtes Abbild der Szenerie. Reflexionen der eigenen Person darin bieten Anlass persönliche Befindlichkeiten in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Erinnerungsprozessen zu reflektieren.

#304 Die fragilen Beziehungen zwischen den Dingen: Auf der Suche nach erkennbaren und versteckten Ordnungen und Beziehungen wird Authentisches, Dokumentarisches und Fiktionales verwoben und Wirkungszusammenhänge zwischen Werk und Kontext erfahrbar gemacht. Anders als bei klassischen Beweisaufnahmen, sind Relationen zwischen den angesammelten Gegenständen nicht exklusiv und ergebnisorientiert, sondern ermöglichen ein freies Wandeln zwischen den Bedeutungen.

#310 Ein Gegenstand sagt mehr als tausend Worte: Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Tradition bildenden, Identität stiftenden und Kultur konstituierenden Kräften im Allgemeinen und Besonderen. Historie wandelt zwangsläufig das Triviale ins Museale und umgekehrt. Bestand haben jedoch die forschenden Fragen an sich. Dieser kulturbildende und soziale Prozess stellt eine gemeinschaftliche Aufgabe dar; erst in der Betrachtung historischer Entwicklungen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Perspektiven wird die Komplexität von Geschichtsschreibung deutlich. In der Benennung von Brüchen und der Sammlung bruchstückhafter Erinnerungen entwickelt das künstlerische Archivierungsprojekt eine integrative Kraft.

#325 Im Labyrinth der Geschichte und Geschichten: Objekte, Dokumente, Fotos, Texte, die sich aus der persönlichen Sicht der Besitzer auf die historische, kulturelle und gesellschaftliche Situation von Stadt und Region beziehen, dienen nicht als Beweismittel einer eindimensionalen Geschichtsschreibung. Sie sind unscharfe Beschreibungsmodelle; Gerüchte, Klischees und Legenden. Die Multitude dieser Indizien ermöglicht den Blick durch das Einzelne auf das Allgemeine und Verbindende.

#330 Eine Sammlung von Relikten des Fragens und Forschens: Unterschiedliche Kommunikationsprozesse sind Teil des Werkes; über Aufrufe in regionalen Medien wurden die Bewohner der Bodenseeregion eingeladen, sich am künstlerischen Archivierungsprojekt zu beteiligen. Dieser offene Prozess wurde durch die Zusammenarbeit mit Experten, die Fakten und Ereignisse erläutern, ergänzt. Der Betrachter findet sich im Spannungsfeld vielfältiger Erzählperspektiven wieder.

#335 Erinnern als gemeinsamer Handlungsprozess: Die Auswahl der Exponate durch die Leihgeber basiert auf einem subjektiven Erinnerungswert des Gegenstandes im Bezug zur Region. Im Gespräch mit den Künstlern entsteht eine Konzentration auf die wesentlichen Faktoren der Beziehung zwischen Exponat und Leihgeber unter Bezugnahme auf das Gemeinsame und Andere bereits archivierter Objekte.

#340 Gegenstand und Legende: Die persönlichen Erinnerungen des jeweiligen Leihgebers und die Kontextualisierung in regionaler Geschichte und überlieferten Bedeutungen finden Eingang in die kommentierende Beschreibung jedes Exponates. Diese künstlerisch archivarische Aufbereitung eröffnet den Besuchern einen Assoziationsraum, in dem Erinnern als aktuelle Sinnproduktion wahrgenommen wird. In der Begehung des Archivs und der Betrachtung der Sammlung verändert sich das innere und äußere Gesamtbild fortlaufend. Jeder Gegenstand bietet einen Zuwachs persönlicher Erkenntnis über die eigene Person und ihrer Rolle in gesellschaftlichen Erinnerungsprozessen.

#345 Sammlung aus mündlicher Überlieferung: Eine Registratur oraler Klischees als Struktur zur Erforschung der lokalen Identität. Der Funken Wahrheit springt in der Sammlung von Zitaten, aus und über die an den See grenzenden Regionen, ihren Zuschreibungen und Identitäten, auf den Besucher über. Die knappen subjektiven Äußerungen verdichten sich als Sammlung zu einem Deutungsmuster lokalen Bewusstseins und regionaler Beziehungen. Die Statements sind zugleich Bekenntnisse ihrer Autoren. Weil diese in die Anonymität zurücktreten, bleibt Raum für Zuweisungen und Betrachtungen zweiter Ordnung. Als Flugblatt in unlimitierter Auflage lassen sich diese aneignen und mitnehmen. Durch die Verbreitung der Flugblätter durch das Publikum werden die subjektiven Aussagen Einzelner in den öffentlichen Diskurs eingebracht.

#352 Suchen in Ritzen, Spalten und Nischen: Die Konzentration und Präsentation der Exponate lässt verwaiste Stellen an anderen Orten spürbar werden. Die Zusammenschau von Objekten nach ästhetischen, künstlerischen Kategorien ist vor allem ein Spiel mit Konstruktionen von Ordnung, ihrer Auflösung und Umwandlung.


CITATION/BIBLIOGRAPHY Zitate und bibliographischer Verweis unter: ›INDEX – ein künstlerisches Archivierungsprojekt‹, John/Salzmann/Shepherd, 4. Triennale zeitgenössischer Kunst / 4th Triennal Of Contemporary Art, Bodensee 2007/2008, Zeppelin Museum Friedrichshafen

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