Ein Magazin als künstlerisches Experiment

Warum und in welcher Form konzipierte Ruediger John das Magazin “auf – Magazin für Zwischenfragen” der Zeppelin University?

Ein Gespräch zwischen Ulrike Shepherd und Ruediger John

aus: auf – Magazin für Zwischenfragen der Zeppelin Universität, Ausgabe #01, ISSN 2192-7979

Ulrike Shepherd



Auf Einladung der ZU hat der Künstler Ruediger John in Zuammenarbeit mit der Agentur SchindlerParent das neue ZU-Hochschulmagazin “auf – Magazin für Zwischenfragen” konzipiert. Ulrike Shepherd, Kuratorin am artsprogramm der ZU, sprach mit dem österreichischen Künstler über künstlerische Perspektiven, Methoden und Interventionen in der Konzeptionsentwicklung. Seit 2007 ist Ruediger John über künstlerische Beiträge, Veranstaltungen und die Entwicklung zweier Publikationen im artsprogram der ZU vertreten.

Ulrike Shepherd: In welchem Verhältnis steht die Aufgabe, das Magazin in einem gemeinsamen Prozess mit der ZU und der Agentur zu konzipieren, zu Ihrer bisherigen künstlerischen Arbeit?

Ruediger John: Aus künstlerischer Sicht interessieren mich die Übergangsbereiche zwischen gesellschaftlichen Subsystemen, wie beispielsweise die Überschneidungen zwischen Kunst und Wirtschaft oder Kunst und Wissenschaft. Ein prozesshaftes, künstlerische Arbeiten an diesen Peripherien bedient sich spezifischer Interaktionen und Interventionen, will man den gesellschaftlichen Dynamiken, Ritualen und Kommunikation in kritischer Form gerecht werden, also „sozial in-situ“ arbeiten. Die künstlerische Vorgehensweise bedient sich auch der Recherche von Fragestellungen und kritischen Diskursen außerhalb der fachspezifischen Kanons – für eine multiperspektivische, kritische Auseinandersetzung mit konkreten Situationen im transdisziplinären Arbeiten. In dieser Form kooperiere ich seit geraumer Zeit immer wieder mit Institutionen, sowohl im akademischen Umfeld, als auch mit Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Ich betrachte dies als eine Form „kritischer Ästhetik“ und arbeite in diesem Sinne seit Mitte der 90er Jahre definitorisch und praktisch in „künstlerischer Forschung“.

US: Die Arbeitsweise, welche auf einer anfänglichen Recherche basiert und den Entwicklungsprozess als integralen Bestandteil des jeweiligen Projektes ansieht, ist demzufolge situationsbezogen. Welche Ausgangssituation haben Sie für die Konzeption des Hochschulmagazins vorgefunden?

RJ: Die ZU plante ein Magazin, welches einen zweijährlich erscheinenden Tätigkeits- und Forschungsbericht ersetzen sollte und damit zeitnaher und in einer neuen Qualität der Reflexion und Kommunikation der Tätigkeiten, Diskurse und Ideen der ZU vermitteln sollte. Aus einem ersten Brainstorming entstand der Auftrag, eine Konzeption aus künstlerischer Perspektive zu entwickeln und im Team mit der ZU und der Agentur Schindler Parent zu realisieren. Dabei war es ein gemeinsames Anliegen, das Magazin als Infrastruktur so zu gestalten, dass es neben der Funktion als Informationsmedium der Universität auch eine solide Basis für wechselnde Beiträge und Interventionen auch externer Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler, sowie dabei vor allem auch Raum für visuelle Explorationen und Experimente bietet. Diese erste Ausgabe ist der Ausgangspunkt für weitergehende Versuche.

US: Die experimentelle Untersuchung von Publikationsformaten führt zu jeweils spezifischen und oft überraschenden Ergebnissen. Beispiele hierfür sind die in einer Zusammenarbeit mit dem artsprogram entstanden Publikationen „Logbuch 2009/10“ und der Kunstführer „Cicerone“. Welche künstlerischen Anliegen haben Sie in der Gestaltung des Magazins verfolgt?

RJ: Zum Beispiel sind die Inhalte dieses Magazins anders als üblich strukturiert, so wird zwischen Erkenntnisteil und Informationsteil unterschieden, und diese sind gestalterisch voneinander abgesetzt, beispielsweise indem der Forschungsteil explizit Fußnoten vorsieht und wie der Reportageteil den Bildteil integriert. So wird redaktionell immer klar, welchem Anspruch man sich mit Beiträgen im jeweiligen Teil stellen muss; das unterstützt die Selbstreflexion, und so können sich die beiden Teile unabhängig voneinander entwickeln. Bei der Konzeption wurde darauf geachtet, dass das Magazin gestalterisch eigenständig ist. Zugleich aber sollte der Herausgeber und dessen ästhetisches Profil wiedererkennbar bleiben. So sind Schrifttypen und Layout eigenständig und bilden mit der Haptik des Materials und der besonderen Konfektionierung eine eigene Qualität. Sowie sind von mir Vorgehensweisen für redaktionelle Elemente und ästhetische Interventionen entwickelt worden, welche auch in künftigen Ausgaben umgesetzt werden. Diese stellen einen erweiterten künstlerisch-ästhetischen Zugang zu den Informationen dar.

US: Das Magazin wurde in einen Bereich, der aus der Forschung berichtet, und in einen Reportage-Teil zu universitärem Leben gegliedert und beide Teilbereiche visuell unterschieden. Welche Kriterien bestimmten die jeweiligen gestalterischen Zuordnungen?

RJ: Konzeption des Magazins ist es auch, eine künstlerische Mitwirkung als Forschungsbeitrag und Kommentierung der Themen zu integrieren. Die visuellen künstlerischen Elemente im Magazin – in der ersten Ausgabe die Zeichnungen – sind Teil der Rubrik der Forschung und haben als solche den Auftrag, ein kritischer ästhetischer Beitrag zu dieser zu sein – eben nicht einfach Illustrationen oder Ornamente. Dieser Anspruch an die künstlerischen Arbeiten wird sich auch in den künftigen Ausgaben fortsetzen, wenn andere Künstlerinnen und Künstler eingeladen werden. So werden den wissenschaftlichen Forschungsbeiträgen die künstlerischen, welche unterschiedlichster Form sein können, als Erkenntnisarbeit ebenbürtig gestellt. Der vordere Teil des Magazins fungiert als Bildfläche, gibt visuellen Arbeiten Gestaltungsraum und hat ein variables Textraster. Den Reportageteil zum universitären Leben haben wir über die Gestaltung der Foto- und Farbflächen in Form von fragmentierten Z-Elementen eine dynamische, expressive Eigenständigkeit gegeben, welche sich auch in anderen Medien nutzen lässt.

US: Die Bildstrecke aus Zeichnungen wird sicherlich vor allen anderen ästhetischen Entscheidungen als künstlerischer Beitrag aufgefasst werden, doch gerade dieser bildnerische Beitrag ist nicht typisch für Sie. Wie kam es also, dass Sie sich für das Medium Zeichnung entschieden haben?

RJ: Für die Zeichnungen in dieser Ausgabe habe ich einen ganz alltäglichen Kugelschreiber verwendet und auch in den abgebildeten Motiven mich aus Alltagseindrücken bedient. Diese kommentieren assoziativ den Themenkomplex „Macht und Mitsprache“, nehmen zugleich auf unterschiedliche Weise Bezug auf die Fachartikel und fügen dabei eine Facette hinzu. Mit diesen kann der Betrachter auf eine assoziative Wahrnehmungsexkursion gehen, bei der der Titel und jeder Artikel, aber auch die Abbildungsfolge an sich als Wegweiser dienen können. Ich habe die Zeichnungen in dieser Form als Verweis auf ein Sprezzatura erstellt, dies kann man sowohl als künstlerische Technik verstehen, als auch als Kommentar zum Titelthema dieser Ausgabe. Die Alltagsmotive, wie auch die künstlerische Umsetzung mit reduzierten Mitteln möchte die Betrachtung über die Abbildung und dessen Elemente hinaus lenken. Auffällig ist an der ersten Ausgabe der neuen Magazinreihe die Betonung von Sinnlichkeit in der Materialität des Covers und in die Textur der Zeichnungen. Das Magazin sollte nicht nur inhaltlich agil sein, sondern dies auch in der Gestaltung des Covers und des Formates nach außen tragen, denn ein Element der Konzeption ist das Aufbrechen der sonst üblichen Raster von Publikationen. Die erste Ausgabe öffnet sich zum Auftakt mit ihrem transparenten Umschlag mit Inhalten und Quellen ganz direkt und auch die folgenden Ausgaben werden sich in der Wahl des Umschlages verändern und thematisch anpassen. Für die kommenden Ausgaben sind bereits weitere, direkte Eingriffe in das Format des Buchblockes in Vorbereitung – diese werden ebenfalls thematisch gewählt. Bei den Zeichnungen wird durch die starke Nahansicht der Linien und damit dem Zeigen der Materialität der Kugelschreibertinte ein Mikrokosmos an Details sichtbar. Durch die Unsauberkeiten, sowie das Verstärken der kleinsten zeichnerischen Ungenauigkeiten entsteht eine sinnliche Linienführung. In der Umkehrung, der im Papier durchgedrückten Zeichnung, wird in der Nahaufnahme die Haptik des Trägermaterials – aber als fragile Abbildung – sichtbar.

US: In der Publikation finden sich auch Text-Interventionen, wie die Hervorhebung thematischer Textelemente und inhaltliche Eingriffe. Welchen Mehrwert haben Sie damit intendiert?

RJ: Jede Ausgabe des Magazins hat ein Leitthema – in dieser Ausgabe „Macht und Mitsprache“ – zu der ein Assoziationsfeld, welches durch alle Texte des Magazins nachverfolgt werden kann, erstellt wird. Eigentlich separat stehende Artikel zum Thema, Texte und Meinungen werden über das Hervorheben von auf das Thema bezogenen Begriffen zu einem weiteren Bedeutungsfeld miteinander vernetzt. Dies ermöglicht es, beim Durchblättern das Thema, dessen Begriffsvielfalt und Subjektivitäten, in einer Übersicht wahrzunehmen. Beim Lesen können sich „serendipity“-Momente, also ein zufälliges Finden, einstellen und zur Wahrnehmungsschärfung und Bedeutungsreflexion anregen. Mit der Intervention der „Zwischenfragen“ wurde ein festes Schema eingerichtet, welches weitergehende Fragen an die Autoren der Forschungsbeiträge stellt. So entsteht, neben dem fachlich-distanzierten Artikeltext, ein Eindruck zur Persönlichkeit und Motivation des Forschers, eine Folgerung aus den Forschungsergebnissen zu Auswirkungen und zum alltäglichen Handeln, sowie ein Einblick, was der Wissenschaftler weiter plant und welche anderslautenden Studien es gibt. So wird der abgeschlossene, rationale Fachbeitrag durch Schnittstellen in persönlicher, gesellschaftlicher und fachlicher Hinsicht geöffnet.

US: In Ihrer Erkundung des Formats Magazin verlassen Sie das Printmedium über ein Token-System und erweitern es durch Online-Inhalte. Wie steht diese Virtualisierung von Information zu Ihrem Anliegen einer sinnlichen Erfahrung beim Leser?

RJ: Die Konzeption des Magazins umfasst auch einen digitalen Teil. Für das Magazin und darüber hinaus haben wir ein Token-System entworfen, über welches man auf medienspezifisch erweiterte Inhalte, quasi als digitale Fußnoten, zugreifen wird können und dynamische Queries und Informationsansichten möglich sind. Im Rahmen der Überlegungen zu einer zeitgemäßen Funktion eines Printproduktes, als auch zum redaktionellen Inhalt, habe ich vorgeschlagen, das Magazin eben auch als ein objekthaftes, statisches Interface zu digitalen Inhalten zu betrachten. Als ein Medium, welches die Eigenheiten und Vorzüge bewährter Wahrnehmungs- und Lesegewohnheiten anbietet und diese zugleich nutzt, um zu dynamischen und aktualisierten Inhalten zu verbinden. Es geht dabei also auch um die Frage, welches die intrinsischen Qualitäten des jeweiligen Mediums tatsächlich sind und wie sich diese verbinden lassen, ohne dabei in Konkurrenz zu stehen, sondern indem sie eine Medienkonnexion ermöglichen. Das gedruckte Magazin hat ästhetische, rituelle und prozessuale Vorteile, welche woanders nicht existieren, und umgekehrt bietet die Digitalität Möglichkeiten, welche man nicht im Print umsetzen kann.

US: An den ästhetischen Verfahrensweisen und Gestaltungen, die zum Einsatz kommen, zeigt sich eine von Konventionen unverstellte Perspektive auf die Fragestellung einer Magazinkonzeption. Wie gestaltete sich die künstlerische Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber ZU und der Agentur Schindler Parent im Entwicklungsprozess?

RJ: Die ZU war mit der Beauftragung in dieser Konstellation auch mutig – denn allen war klar, dass es nicht eine schnelle, simple und damit oberflächliche Arbeit werden dürfte, sondern eine, bei der man im Prozess alles infrage stellen und andersdenken wird und nicht die schnellste Antwort, sondern die wohlüberlegte zählt. Ich schätze an der ZU den Qualitätsanspruch, das Vertrauen in Fähigkeiten und die Schaffung von Denk- und Gestaltungsräumen. Die Agentur Schindler Parent hat mich für die Dauer des Projektes als externen Creative Director aufgenommen, und ihr Können und meine Herangehensweise an ein solches Thema haben sich wunderbar ergänzt.

US: Mit dieser ersten Ausgabe stellt sich auch die Frage, wie das Experiment weitergehen kann. Welche Konstanten, welche Variablen wurden in der Konzeption und mit dem ersten Erscheinungsbild gesetzt, was können wir erwarten?

RJ: Der ZU war wichtig, dass es sich bei dem Magazin nicht einfach um eine singuläre „Kunst-Aktion“ handelt, sondern dem Prinzip der ZU, die Künste prominent und auf Augenhöhe in den akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb zu integrieren, gerecht wird. So hatte ich das auch schon in der Zusammenarbeit mit dem artsprogram kennengelernt. Die künstlerische Arbeit an diesem Magazin umfasst zu einem wesentlichen Teil konzeptuelle Elemente, ist also nicht auf das Visuelle beschränkt. Insbesondere hatte mich die ZU auch mit der Schaffung der Struktur und Ausrichtung der Publikation beauftragt. So sind Grundlagen geschaffen worden, welche nicht auf den ersten Blick sichtbar sind, sich aber in den kommenden Ausgaben weiter entfalten werden. Meine Begleitung des Magazins, mit dem gesamten Team, ist als ein Übergang auch für die kommenden Ausgaben geplant, wodurch die Konzeption und Struktur gefestigt wird. Die Konzeption sieht vor, dass das Magazin selbst Untersuchungsobjekt ist und wir Fragen der Kommunikation, Informationsaufbereitung und Erkenntnisarbeit in Print und an der Schnittstelle zu Non-Print untersuchen werden. Mit der ersten Ausgabe haben wir zunächst eine Basis geschaffen, welche als solider Ausgangspunkt für weitergehende Explorationen in den kommenden Ausgaben dient – es bleibt also spannend.

Ruediger John (A) bedient sich in seinen künstlerischen Arbeiten sowohl situativer, installativer, interventionistischer Formen, wie auch recherche- und publikationsorientierter Strategien. Seit 1997 beschäftigt er sich in theoretischen und praktischen Arbeiten in künstlerischer Forschung und systemischer Kunst. Mit der Gründung ,,Gesellschaft für kritische Ästhetik“ fokussierte er transdisziplinäres Arbeiten und Forschen und die Anwendung ästhetischer und künstlerischer Kompetenzen in gesellschaftlichen Subsystemen, wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, u.a. zur Verankerung eines differenzierten Reflexionswissens. Seit 2007 ist Ruediger John über künstlerische Beiträge, wie ,,Orientierung“ (2007), Veranstaltungen und die Entwicklung der Publikationen „Logbuch“ und „Cicerone“ im artsprogram der ZU vertreten.

Ulrike Shepherd (D) ist seit 2007 als Kuratorin am artsprogram der Zeppelin Universität tätig. Das artsprogram etabliert zeitgenössische künstlerische Praxis als Bestandteil von Lehre und Forschung an der ZU. Künstlerische Praxis, verstanden als sinnlich-ästhetische Form von Forschung, ist Teil des inter- und antidisziplinären Grundansatzes der Zeppelin Universität. mehr: www.zeppelin-university.de/artsprogram

Friedrichshafen 2011

auf – Magazin für Zwischenfragen der Zeppelin Universität, Ausgabe #01, ISSN 2192-7979


CITATION/BIBLIOGRAPHY Shepherd, Ulrike: ›Ruediger John – Ein Magazin als künstlerisches Experiment‹, auf – Magazin für Zwischenfragen, Ausgabe #01, ISSN 2192-7979, Zeppelin University, Friedrichshafen 2011

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