Ruediger John – »Sous les pavés la plage / Unter dem Bürgersteig der Strand / under the cobblestones the beach« – Künstlerische Forschung und gesellschaftliche Praxis



»Sous les pavés la plage / Unter dem Bürgersteig der Strand / under the cobblestones the beach«

Künstlerische Forschung und gesellschaftliche Praxis

a guest lecture by Ruediger John (A)

hosted by Sibylle Omlin and Reinhard Storz

26.11.2008 / 17:30 Uhr

Fachhochschule Nordwestschweiz
Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel
Institut Kunst

Theobald Baerwart-Schulhaus, Aula
Offenburgerstrasse 1
CH 4057 Basel

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Einige Kriterien und Anhaltspunkte für den Umgang mit dem Begriff Artistic Research / Künstlerische Forschung /// Forschung als eine gesellschaftliche Funktion /// Unterscheidungen zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung /// traditionelles vs. zeitgemäßes künstlerisches Arbeiten

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[…] Anders also, wenn Kunst der Reflexion von Gesellschaft dient, sich also dem Diskurs der Sinn- und Bedeutungsfragen, der Kritik und Wertebildung direkt widmet und somit Künstlerinnen und Künstler gesellschaftsorientiert arbeiten. Damit geht einher, daß nicht mehr die Produktion von Objekten und insbesondere deren Präsentation im exkludierenden Kunstkontext, sondern vielmehr die Gestaltung von Prozessen als Beeinflussung von Entwicklungen und die Integration verschiedener Disziplinen im Vordergrund stehen; der Künstler ist nicht mehr als Experte für Gestaltungsfragen, sondern als Experte für Wahrnehmungsfragen und deren Relationierungen gefordert. Das bedeutet, daß ästhetische (= wahrnehmungsbezogene) Kompetenzen und deren künstlerische Anwendung in gesellschaftlichen Kontexten (= Relationierung) – die Künstlerin/der Künstler als Know-How/What/Why-Träger – eine wesentliche Fähigkeit darstellen; das Medium bzw. der Medienkanon zweitrangig wird und kommunikative, moderativ-mediative Qualifikationen und Diskurs- und Teamarbeit notwendig werden.

[…] Systemische künstlerische Tätigkeit heißt, mittels Abstraktion und Assoziation kritisch-ästhetisch Bedeutungen und Wertekontexte zu differenzieren und (bspw. interventionistisch oder infiltrativ) einzusetzen, sowie definitorisch in der Kommunikation und Kontextualisierung zu arbeiten. Diese Art der Tätigkeit stellt der klassischen Form der Referenzierung von Kontexten und Werten, dem ›Symbol‹ bzw. des ›symbolhaften Regelbruchs‹, die Absicht einer (relativen) Wirksamkeit auf das Subsystem gleich. Somit gestaltet (oder moduliert) der Künstler auf der Handlungsgrundlage einer prozesshaft reflektierten Haltung nicht ein Medium zur Form-/Objekt-/Bildfindung als Ausdruck, sondern zur Realisation (und damit Abstraktion) einer Idee/eines Zieles als Anschauung mit politischer Relevanz. Eine solche künstlerische Arbeit, deren Tätigkeit die systemischen Bedingungen und Relationen der gesellschaftlichen Subsysteme, aber auch der semiotischen Kriterien und Kontextualisierung umfaßt, nenne ich systemische Kunst (John, Ruediger: Systemic Art as an Approach for the Aesthetic Worker, 1998).

Künstlerische Forschung als spezifische ästhetische Praxis

[…] Entscheidend hierbei ist, daß sich künstlerisches Handeln nicht als öffentlicher Selbstfindungsprozess, naive Visualisierung im Symbolischen und dem Agieren im mythenbehafteten Kunstverständnis versteht, sondern »[…] sich kritisch subjektiver (künstlerischer) Methoden, rechercheorientierter und disziplinenverbindender Strategien bedient um kontextfremde Ergebnisentitäten erkenntnisbringend zu assoziieren.« »[…] Charakteristisch für künstlerische Forschungsarbeit ist ein nicht-lineares, prozesshaftes Denken und Handeln […]« sowie die Fähigkeit, ästhetische Kriterien in anderen Kontexten und Subsystemen zu entwickeln und abstrahierend (kritisch) anzuwenden.

(aus: John, Ruediger: Objekt Subjekt Prädikat – Ein Exkurs über systemische Kunst und kritische Ästhetik, 2004)
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Ruediger John (A), lebt in Baden-Baden und Boston. Situative, installative, interventionistische, recherche- und publikationsorientierte Arbeiten; definitorische und praktische Arbeiten in künstlerischer Forschung, systemischer Kunst und Transferkunst. Er arbeitet seit 197 als ›Kritisch Ästhetischer Coach und Consultant‹ und ist Gründer der ›Gesellschaft für kritische Ästhetik‹. Lehraufträge u.a. an der Universität der Künste Berlin, Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Hochschule Pforzheim und der Universität Karlsruhe.

Ausstellungen / Veranstaltungen (Auswahl):
›Latte, Brownie, Milk‹ (USA, 2007), ›Family Values / Familienwerte‹ (USA, 2006), ›La prosa avorrida de la vida diària‹ (ES, 2006), ›freundlich behauptet – Gespräche über Kunst und Wirtschaft‹ (D, 2004), ›MEHR WERT – Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler im Dialog‹ (D, 2004), ›Der silberne Schnitt‹ (D, 2003), ›kFP/02 künstlerisches Forschungsprojekt‹ (D, 2002), ›Die Verklärung des Gewöhnlichen‹ (D, 2002), ›Vorbereitung einer Ausstellung / preparation of an exhibition‹ (D, 2001), ›Die Akademie ist keine Akademie‹ (D, 1999)

Publikationen (Auswahl):
›Erweiterte Erkenntnisfähigkeit durch kulturelle Kontextualisierung‹ (2007), ›Objekt Subjekt Prädikat – Ein Exkurs über systemische Kunst und kritische Ästhetik‹ (2004), ›Vom Handwerker zum Mythenerzähler zum Kritiker‹ (2004), ›TRANSFER: Kunst Wirtschaft Wissenschaft‹ (2003), ›Die Akademie ist keine Akademie‹ (1999), ›Systemic Art as an Approach for the Aesthetic Worker‹ (1997), ›book – an object oriented definition of an infrastructure‹ (1991)

Ruediger John hat an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, sowie eingeladen an die Columbia University und New York University, New York City (affiliate/guest) studiert und eine Fortbildung in ›Systemischer Kurzzeittherapie‹ abgeschlossen.

http://artrelated.net/ruediger_john