Zwischen Geist, Geld und Gespräch – artsprogram der Zeppelin University – Doug Fishbone, Katya Sander, Christof Schäfer, Ulrike Shepherd, Ruediger John, Christof Salzmann



„Zwischen Geist, Geld und Gespräch“

15. September 2007

artsprogram der Zeppelin University Friedrichshafen

Künstlerische Interventionen zum Kapitalbegriff in seiner Diversität.

Doug Fishbone (US/GB) „Towards a Common Understanding“ (2005)
Katya Sander (DK) „Was ist Kapitalismus?“ (2003)
Christof Schäfer (D) „Revolution Non Stop“ (2000)
Ulrike Shepherd (D) „Gateway“ (2006)
Ruediger John (A/USA) / Christof Salzmann (D) „Orientierung“ (2007)

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Doug Fishbone (US/GB) „Towards a Common Understanding“ / 2005 / 12:30 min
Als zentralen Aspekt seiner Arbeit bezeichnet der in New York geborene, in London lebende Künstler Doug Fishbone (*1969) sein Vertrauen auf Humor. Ob er Formen der stand-up comedy adaptiert, wie in dem Video „The Ugly American“, oder alberne Trash-Markenuhren konstruiert: immer lädt er auf amüsante Weise den Betrachter ein auch hässliche, dumme und tabuisierte Facetten des modernen Lebens ins Auge zu fassen. Während seine früheren Arbeiten hauptsächlich auf vergänglichen Materialien und Prozessen basierten (wie etwa Haufen von 40.000 Bananen auf öffentlichen Plätzen), arbeitet Doug Fishbone heute überwiegend mit Video. In Videoarbeiten wie „Towards a Common Understanding“ (2005) kombiniert er Bilder aus dem Internet zu auf den ersten Blick völlig absurden Folgen: Blonde Bikini-Nixen und chemische Periodensysteme, asiatische Tuschzeichnungen von Fischen und gemästete Gänse, Bilder von Sex und Essen und Weltall-Aufnahmen erzählen von der Kakophonie der heutigen Medienwelt. Erst der darüber gelegte Kommentar des Künstlers entwickelt aus dieser scheinbar zufällig montierten Bildreihung neue Sinnebenen. Der Bogen wird gespannt von dem Anfangssatz “Statistiken sind wie Bikinis” bis zu “Alles ist total relativ”, Welterklärungsmodelle und westliche Zivilisationserscheinungen werden so ironisch hinterfragt und ad absurdum geführt.

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Katya Sander (DK) „Was ist Kapitalismus?“ 2003 / 16 mm Film
In den stark konzeptionell geprägten und recherchebasierten Arbeiten von Katya Sander geht es zumeist um Erschließungs- und Produktionsformen von Wissen und Wissens-systemen. Der Künstlerin kommt es vor allem auf eine immer auch körperlich geprägte Reflektion der Zugangsweise zu einem Wissensgebiet an. Die von ihr geschaffenen Settings und Räume setzen uns als Betrachter in ein spezifisches Verhältnis zu einem Thema. Zumeist geschieht dies, indem die einem Thema zugehörigen Orte und Kontexte vertauscht oder transformiert werden, so dass man Fragestellungen anders als erwartet begegnet. In „Was ist Kapitalismus?“ wird ein Film zwischen zwei Spiegelflächen projiziert. Der Film zeigt die Künstlerin in einer unwirtlichen Weidelandschaft mit einem Mikrophon. Sie entfernt sich von der Kamera und stellt vereinzelnd am Horizont vorbeikommenden Spaziergängern die Frage, was Kapitalismus sei. Die Antworten fallen denkbar verschieden und unerwartet aus. Die Einbettung des rückwärtig projizierten Filmes in die Spiegel setzt den Horizont der Landschaft ins Unendliche fort und nimmt in diese Illusion von Unendlichkeit auch den Besucher mit hinein. Die diesjährige Documenta-Teilnehmerin Katya Sander (*1970, Dänemark) lebt und arbeitet in Berlin und Kopenhagen und erweist sich mit ihrer Ausstellungsliste als echte global Playerin.

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Christof Schäfer (D) „Revolution Non Stop“ 2000 / 16mm Film / 19:00 min
Christoph Schäfer arbeitet seit 1989 zu Urbanismus, Themenparks, Mode und Alltag. Der in Hamburg lebende Künstler interessiert sich für städtische Situationen und wie sie durch Kunst verändert werden können. Seinen Arbeiten gehen genaue Beobachtungen des Alltagslebens voraus und sie werden aus dem Vokabular der Stadt heraus entwickelt. Mit „Revolution Non Stop“ greift Schäfer die konstruierte Imageproduktion der Städte auf. Der „Imagecity“ mit ihren polierten Einkaufspassagen, die bestrebt ist ein perfektes Bild von Stadt herzustellen, indem sie Elend ausgrenzt, setzt Schäfer seine Inszenierungen von Stadt entgegen, indem er die Regeln umkehrt und das feiert und im Zentrum behauptet, was sonst eher an der Peripherie stattfindet. „Revolution Non Stop“ ist ein “Spiel mit den Resten der Überproduktion in den zukünftigen Ruinen des Fordismus” und ist durchsetzt mit Aussagen in Warenform: Kostüme, Etiketten, Zeitungen und Werbungen sind zweckentfremdet (Grafik: Torsten Jahnke) mit Slogans versehen. Christof Schäfer geht es darum, in dem Feld zu arbeiten, das heute immer wichtiger wird: Subjektivitätsherstellung durch Waren, die von immer komplexeren Bedeutungsschichten ummantelt werden. Christof Schäfer (*1964) untersucht in seinen Projekten wie Medienbilder Städte beeinflussen. Als Teil der Gruppe Park Fiction, die 2002 zur Documenta 11 eingeladen war, interessierte ihn an diesem Projekt die gemeinsame Neudefinition eines öffentlichen Raums.

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Ulrike Shepherd (D) „Gateway“ 2006 / Digitalfilm / 8:50 min
Ulrike Shepherd arbeitet in ihren meist installativen Projekten mit Kontexten, Bedeutungen und Assoziationen. Sie hinterfragt gewohnte Sichtweisen, Begriffe und Zusammenhänge. Eine Verschiebung der Perspektive vollzieht sich auch in ihrem Digitalfilm „Gateway“, indem eine Durchgangssituation durch formale Veränderungen dekliniert wird. Die Filmaufnahmen dazu fanden am Flughafen München Franz Josef Strauß statt. Aus den zufälligen Szenen Ankommender entstanden 7 kurze Kapitel, welche durch verschiedene technische Eingriffe minimale Bedeutungs-verschiebungen erfahren. Ein jeweils anderer Fokus wird auf eine Alltagssituation gerichtet. Erste sich aufdrängende Deutungen verlieren im weiteren Verlauf ihre Eindeutigkeit zugunsten einer offeneren Vielschichtigkeit. Gleichzeitig findet auch ein Wechsel der Bildebenen statt, der Blick wandert mit dem rhythmischen Öffnen und Schließen der elektrischen Glastüren zwischen dem ankommenden Personenstrom und den transparenten Spiegelungen der Wartenden und wechselt auch hier kontinuierlich die Richtung. Ulrike Shepherd (*1955) verortet ihre Kunst im Dialog – in der Kommunikation mit ihrer Umgebung, der Zeit und anderen Künstlern. Der oft kommunikative Charakter ihrer Ausstellungsprojekte setzt sich fort in ihrer vernetzenden und auf Diskurs angelegten freien kuratorischen Arbeit. Mit ihrer Videoinstallation „Gateway“ stellt sie sich als neue Kuratorin des artsprogram der Zeppelin University vor.

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Ruediger John (A/USA), Christof Salzmann (D) “Orientierung” 2007 /
temporäre installative InterventionFür die Zeppelin University widmen sich die Künstler Ruediger John und Christof Salzmann dem Thema der Orientierungssuche und -findung – sowohl spatial, als auch thematisch. Der profanen Beschilderung in den Universitätsgebäuden stellen sie eine Bildwelt und architektonische Modell-baulandschaft zur Seite, deren Fragilität und Exponiertheit, sowie konsumistische Nutzung durch die Passanten zwangsläufig zu ihrem Rückbau beiträgt. Die Bildwelt ist Sammelobjekt, subjektive Erinnerungsstütze und Assoziationsresource und beansprucht dabei einen, im sonstigen Diskurs unterrepräsentierten, Platz; das städtebauliche Konglomerat en miniature vereinfacht die Navigation innerhalb des Horizontes der Institution. http://artrelated.net/ruediger_john/orientierung.html

Die künstlerischen Arbeiten von Ruediger John (*1971) sind häufig Eingriffe an zentralen Stellen der alltäglichen Lebenspraxis, deren Rituale und inherenten Formen der Wahrnehmung. Gleich ob als Cross-Over zwischen Theater und Performance, als Work-in-Progress mit Schauspielern und Laien im öffentlichen Raum und in der Galerie oder eingeladen in private Räume, um in die dortige “heimische” Umgebung installativ zu intervienieren oder im Umfeld unternehmerischer, ökonomie-geprägter Handlungen und Wertesysteme subversiv tätig zu sein – Irritation als Methode der Wahrnehmungsschärfung und Orientierung des Blickes auf “Nebensächliches”, die Nutzung und Umwertung alltäglicher Gegenstände und Situationen, sowie vor allem das Wirken auf Kommunikation und soziale Dynamiken sind wiederkehrende Merkmale seiner Arbeiten.

Christof Salzmann (*1970) interessiert sich in seinen Arbeiten unter anderem für “Information” – sowohl ihrer alltagspraktischer Entitäten, als auch insbesondere die Phänomenologie ihrer Definitionen und Wertungen. Gesammelte Berichte über Eintagshelden oder Zeitungsseiten und Bilder, deren assoziative Logik man erst in ihrer Menge oder Herausstellung, sowie mit etwas Ruhe, Abstand und Anstand erkennen kann, sind dabei gleichwertige Elemente seiner künstlerischen Arbeit, wie auch zu einem Raumerlebnis verdichtete Objekte und Installationen.

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Das artsprogram etabliert künstlerische Praxis und neue Formen kunstbezogenen Handelns als Bestandteil von Lehre und Forschung an der Zeppelin University. Darüber hinaus werden extern Ausstellungen, Vorträge und Kunstinszenierungen mit wechselnden Partnerinstitutionen realisiert. Hier sollen radikale gegenwärtige künstlerische Positionen in neue Kontexte gestellt werden. Das artsprogram der Zeppelin University ist ein Veranstaltungsangebot an eine interessierte Öffentlichkeit.