Reisen

Selbst, zwischen Arbeit, Folter und Genuß

Ruediger John



Reisen ist Arbeit. Was wir heute meistens mit Freizeit und Urlaub, mit Erleben und Entspannung verbinden, hat seinen Ursprung in der unfreiwilligen Aktivität sich zur Ortsveränderung bewegen zu müssen und dabei Mühen auf sich zu nehmen. Nicht nur hat das Wort ›Reise‹ Bezüge zu ›to rise‹, englisch ›sich erheben‹, sondern ›to travel‹ war ursprünglich identisch mit ›to travail‹ dessen Verwandtschaft der Bedeutung im Französischen offensichtlich ist – gemeinsame Wurzel ist übrigens das lateinische Wort für ›Folterinstrument‹.

Urlauber sind weg von ihrer Arbeit – im internationalisierten Tourismus sogar meist weit. Sie besuchen, wenn sie beispielsweise über einen bretonischen Fischmarkt flanieren, eigentlich andere bei deren Arbeit. Viele Urlaubsreisen sind also ein Besuchen Arbeitender – und das macht wohl viel von der gewünschten Erholung aus. Gewiss, nicht jede Arbeit zu sehen macht uns die Reise wertvoll; eher unwahrscheinlich, daß ein bretonischer Fischer, wenn er denn je nach Baden-Baden kommt, dort den Fischmarkt aufsuchen wollte – auch weil es keinen gibt. Er würde in diese Hochburg des alternden Geldadels aus anderen Gründen fahren; vielleicht interessierte ihn eher die Erfahrung, sich in lauwarmem, müffelndem Wasser in einer der Thermen zu erholen – ungewöhnliches muß es schon zu erleben geben, damit sich das Erheben lohnt. Das als positiv empfundene Fremde ist das Exotische – wir suchen in der Fremde also Schönes das wir noch nicht kennen. Das kann Urlaub sein.

Wir wollen Abenteuer, denn unser Sicherheitsbedürfnis zu Hause führt zu einer Adrenalinsuffizienz, auch deutsche Gemütlichkeit (in einer furchtbaren Verfälschung dieses wertvollen Wortes aus der Romantik) genannt. Brechen wir also auf und suchen die gemäßigte Konfrontation mit fremden Kulturen, deren Eingeborenen und Tieren – auch um mal anzuschauen, wieviel sie schon von uns gelernt haben und wie ähnlich sie uns geworden sind. Willkommen ihr privaten Explorer und Individualisten; und zur Not sprechen wir alle ein bisschen Englisch – damit gibt es keine Grenzen mehr, sondern ein scheinbares, globales Verstehen. Und der versierte Tourist weiß, daß, egal in welchem Land, die sauberen Toiletten bei McDonalds zu finden sind.

Alles fließt. Reisen ist Unterwegssein, der permanente Transit – von Wartezeiten einmal abgesehen. Deutschlands wichtige Städte in einer Woche zu besuchen, damit sich der weite Weg aus Japan gelohnt hat, ist ein alter Witz. Nein, man sollte sich auch Zeit nehmen, beispielsweise in Barcelona in einer Tapasbar zu genießen – auf deren Einrichtungsmerkmale wir aus erlebnisgastronomischer Erfahrung bereits konditioniert sind. Oder man beschäftigt sich einfach mal mit den anderen Urlaubern – die meist aus dem gleichen Heimatland stammen. Erholung heißt für Urlauber oftmals einfach, keine Langeweile durch den Zwang der Beschäftigung mit sich selbst erdulden zu müssen, sondern sich zu Spielen animieren zu lassen, die man als Teenager gehaßt hat – jetzt fühlt man sich so jung.

Nun kann man zum Beispiel einem Zoologen, der über Monate Pinguine bei klirrender Kälte in Eis und Schnee beobachtet, kaum den Vorwurf machen, er tue das zu seiner Erholung und mache Urlaub. Expeditionen sind auch Reisen – aber die wenigsten Reisen sind Expeditionen. Meist handelt es sich eher um sogenannte Bildungsreisen. Zum Beispiel ›Durch Sizilien auf den Spuren der Römer‹, mit Kamera und Recorder bepackt, sind sie uns bereits aus Super-8-Zeiten bekannt – inklusive der selbst geschnittenen und nachvertonten Lehrfilme unserer Lateinlehrer, also im Ergebnis ein Cross-over aus Bildungs- und Missionsreise – diesmal um die Wilden in der Heimat zu bekehren.

Was man anschaut, will man festhalten – ein archaischer Reflex des Menschen. Relikte, alle, auch die digitalen, DVD-verewigten, gleich ob mit unkontrolliertem Zoom aus der Totalen eines Amphitheaters auf offensichtlich bearbeitete Steinbrocken im Vordergrund oder subjektiver Kameraführung durch die versammelte Partygemeinschaft mit erschreckenden Nahaufnahmen betont guter Laune. Dia-Multivisionsschauen über nahezu alle Länder und Völker werden uns in jeder Stadthalle angeboten – denn nur was dokumentiert ist, hat stattgefunden – wer eine Reise tut, der muß was zu erzählen haben – Folterinstrument oftmals inklusive.

Trotzdem zieht es uns fort von zu Hause – ist das Ferne, oftmals durch Reportagen und Hochglanzkataloge schmackhaft gemacht, uns scheinbare Erfüllung und Ziel. Zu oft wird dabei die Bedeutung des Weges, die Reise an sich vernachlässigt. Sie ist mehr als die Überbrückung von Distanzen und Transfer von Ort zu Ort – die Bewegung kann Teil der Betrachtung, gekapselter Stillstand des Eigenen sein. Denn wenn die Richtung klar und das Gefährt der Reise in Bewegung gesetzt ist können wir, wenn wir wollen, aus dem gestillten Drang nach Dynamik Ressourcen für eine Introspektion finden.

Ach ja, Geschäftsreisen hatte ich nicht explizit erwähnt – aber diese sind Arbeit.

Baden-Baden, 1991

Teile dieses Textes entstammen: John, Ruediger: ›Flucht ist Volkssport‹, Baden-Baden, 1991


CITATION/BIBLIOGRAPHY John, Ruediger: ›Reisen – Selbst, zwischen Arbeit, Folter und Genuß‹ aus: ›Flucht ist Volkssport‹, Baden-Baden, 1991/2005

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