Diskursseminar über Perspektiven gesellschaftsorientierter künstlerischer Arbeit

Seminar zu Semantik und Praxis mit ressourcen- und gruppenarbeitsorientierten Elementen

Ruediger John






Universität der Künste Berlin, Institut für Kunst im Kontext
11. Februar – 12. Februar, mit Ruediger John

In diesem zweitägigen Seminar soll nach einer kurzen Darstellung zu verschiedenen Aspekten prozesslogischen und interventionistischen künstlerischen Arbeitens mit allen Teilnehmenden aktiv über mögliche weiterführenden Ansätze einer differenzierten Kontextualisierung von Kunst im gesellschaftlichen Alltag diskutiert, eigene Erfahrungen, Strategien und Ideen – auch im Vergleich zum bisherigen persönlichen Arbeiten – erörtert und über kunstsystemische Implikationen gesprochen werden.

Basis bildet dabei eine resourcenorientierte Herangehensweise im Diskurs über Begriffe und Definitionen die das Kunstsystem und künstlerische Handeln betreffen und deren Relativierung und Einordnung in ein semantisches Netz. Zur Erläuterung und fallweisen Klärung sind bibliographische Verweise und Zitate vorhanden. Ziel ist es dabei auch, über eine konkrete Einbringung der eigenen künstlerischen Position nachzudenken.

Unter Umständen lassen sich einige der bereits im vergangenen Seminar entstandenen Themen und Ideen zu Projekten konkretisieren. Am letzten Seminar (2004) teilgenommen zu haben ist dabei hilfreich, aber nicht notwendig.

Statement zum Thema des Diskursseminars:

Prozessuale künstlerische Tätigkeit

Betrachtet man künstlerische Tätigkeit nicht als die Herstellung und Inszenierung von Objekten als Kunstwerke, sondern als kritische Reflexion und prozesshaftes Gestalten unter ästhetischen Kriterien, sieht man einige der typischen Attribuierungen des Werkes (wie Authentizität, Autarkie, Unikat) sowie deren Ableitungen auf den Autor (wie Kreator, Genie) in anderer Perspektive.

Authentizität als gesellschaftliche Konstruktion und kollektives Wertkriterium, wie auch der Begriff ›Autarkie‹ sind aufgrund der Interaktionen in einem Prozess nicht auf das Ergebnis im Sinne eines Künstler-Kunstwerk Verhältnisses anwendbar; ebenso wird die Zueignung einer Autorschaft und deren Wertung relativiert, da sich der Gestaltungsprozess im wesentlichen auf die Kommunikation bezieht. Der solipsistisch-auratische Aspekt eines Genius verliert in der Fokussierung der Beziehungen zwischen den beteiligten Entitäten sein argumentatives Gewicht.

In dieser, als kommunikatives System verstandenen, Interpretation von Wirklichkeit und im Verständnis eines systemischen Gesellschaftsmodelles stellt sich sowohl die Funktion und somit deren Wertebasis, als auch die Handlungsformen und Strategien künstlerischer Tätigkeit anders dar.

Reflexion und systemische ästhetische Tätigkeit

»Kunst dient der Reflexion und nicht der Repräsentation von Gesellschaft […] Erst die Assoziation und Relativierung sogenannter logischer, sachlicher Argumente und ästhetischer, intuitiver Wahrnehmungen ermöglicht ein ausgewogeneres Abbild und Verstehen von Wirklichkeit. […]«

Anders also, wenn Kunst der Reflexion von Gesellschaft dient, sich also dem Diskurs der Sinn- und Bedeutungsfragen, der Kritik und Wertebildung direkt widmet und somit Künstlerinnen und Künstler gesellschaftsorientiert arbeiten. Damit geht einher, daß nicht mehr die Produktion von Objekten und insbesondere deren Präsentation im exkludierenden Kunstkontext, sondern vielmehr die Gestaltung von Prozessen als Beeinflussung von Entwicklungen und die Integration verschiedener Disziplinen im Vordergrund stehen; der Künstler ist nicht mehr als Experte für Gestaltungsfragen, sondern als Experte für Wahrnehmungsfragen und deren Relationierungen gefordert. Das bedeutet, daß ästhetische (= wahrnehmungsbezogene) Kompetenzen und deren künstlerische Anwendung in gesellschaftlichen Kontexten (= Relationierung) – die Künstlerin/der Künstler als Know-How-Träger – eine wesentliche Fähigkeit darstellen; das Medium bzw. der Medienkanon zweitrangig wird und kommunikative, moderativ-mediative Qualifikationen und Diskurs- und Teamarbeit notwendig werden. […]

Systemische künstlerische Tätigkeit heißt, mittels Abstraktion und Assoziation kritisch-ästhetisch Bedeutungen und Wertekontexte zu differenzieren und (bspw. interventionistisch oder infiltrativ) einzusetzen, sowie definitorisch in der Kommunikation und Kontextualisierung zu arbeiten. Diese Art der Tätigkeit stellt der klassischen Form der Referenzierung von Kontexten und Werten, dem ›Symbol‹ bzw. des ›symbolhaften Regelbruchs‹, die Absicht einer (relativen) Wirksamkeit auf das Subsystem gleich. Somit gestaltet (oder moduliert) der Künstler auf der Handlungsgrundlage einer prozesshaft reflektierten Haltung nicht ein Medium zur Form-/Objekt-/Bildfindung als Ausdruck, sondern zur Realisation (und damit Abstraktion) einer Idee/eines Zieles als Anschauung mit politischer Relevanz. […]

(aus »Objekt Subjekt Prädikat«, Ruediger John in: »Künstlerische Bildung nach Pisa«, (Hgg.) Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK); Landesakademie Schloß Rotenfels, Joachim Kettel, Athena-Verlag Oberhausen 2004)

Teilnehmende:
Ella Hering, Mirya Gerardu, Rüdiger Schlömer, Norma Mack, Sencer Vardarman, Chongmin Kim, Steffi Hanna, Marina Landia, Antje Weitzel, Natasa Drakula, Holger Kruse, Andreas Wendt, Sibylle Stammberger, Ryu Hee Dong, Angelica Fernandez, Eva Randelzhofer, Diana Harty, Lea Schick, Margit Renatus, Christian Mayrock, Marion Roßner, Ilona Dubel, Hergen Wöbken, Zorka Vednarova, Grazyna Wilk, Barbara Müller, Margit Renatus, Tania Bedunane, Hyunjoo Choi, Sarah Schastok, Yurze Ido, Li Yuan, Anna Stern, Thomas Sturm


CITATION/BIBLIOGRAPHY John, Ruediger: ›Diskursseminar über Perspektiven gesellschaftsorientierter künstlerischer Arbeit‹, Berlin 2004

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