Substruktur einer idealtypischen Welt

substructure of an idealized world

(Katalogtext)



Wird der Begriff »Berg, Gebirge« häufig zunächst mit dessen, allgemein bekannten, topografischen Repräsentationen assoziiert, bildet er doch zugleich einen Bezugspunkt für persönliche Erfahrungen, nicht nur in natura, sondern insbesondere in dessen visuell-ästhetischer und inhaltlicher Verankerung im Lebensalltag, seiner gesellschaftlichen und religiösen Bedeutungen und Funktionen.

Ruediger John stellt diese Bedeutungsfelder zueinander in Beziehung. Eine andere Sicht auf Objekte aus Freizeit und Hobby, in formal tradierter Anordnung und Präsentation des Kultischen und Religiösen, fördert die kontemplative Betrachtung und Selbstreflexion.

Grundlage der Arbeit, die Ruediger John für diese Ausstellung erstellt hat, bilden drei Modelleisenbahn-Fertiggelände aus tiefgezogenem Kunststoff, wie sie im Fachhandel direkt beziehbar sind »für Personen, denen es handwerklich oder aus anderen Gründen zu mühselig ist, sich ihre Modellwelt selbst zu erbauen«. In diese archetypisierte Landschaft, welche diverse topographische Erscheinungsformen, wie »einsame Bergwelt«, »Bach mit Mühle«, »See und Strandbad« vorhält, damit sie mit entsprechenden Details »liebevoll, als eine Möblierung von Welt, ausstaffiert« werden können, ist ein vorgefertigtes Schienennetz komprimiert integriert – »selbstverständlich mit Erweiterungsmöglichkeiten über Anbauplatten«. Kurzum, in dieser idealtypischen Welt kann sich jeder Hobby-Eisenbahner als privater Schöpfer Arkadiens ausleben.

Gleichwohl birgt diese »spielerisch, und häufig mit Manie, Akribie und als Kult ausgelebte Verantwortung innerhalb des vorgegeben Rahmens« auch die Aufgabe der subjektiven, bewußten oder unbewußten Auseinandersetzung mit der eigenen Idee von Welt und Gesellschaft, dem persönlichen Weltbild.

fig. 1 Ausstellungsansicht Substrukur einer idealtypischen Welt
fig. 2 Ausstellungsansicht Substrukur einer idealtypischen Welt

Ruediger John benutzt einfach diese fertigen Elemente indem er deren rückseitige Negativform mit Versteifungen und Hilfsstrukturen, also die offenbare Konstruktion dieser, im ursprünglichen Wortsinne, oberflächlichen Weltscheibe als Bild umdeutet, in die Vertikale kippt, und mit der Perspektive zugleich Bedeutungen verschiebt. Die »Anhöhen« werden mittels Rahmenelement zu umschlossenen Volumina, die Oberfläche bleibt dabei als Negativ wie in Originalanordnung intakt, Einblicke sind lediglich durch vorhandene Ausbrüche der Eisenbahntunnels möglich.

fig. 3 Ausschnitt Substrukur einer idealtypischen Welt

Die klassische Anordnung, dem religiösen und kultischen, altarhaften entnommen, als Triptychon bildet den Verweis zu onthologisch orientierten Glaubenswelten und Weltmodellen, gleich ob sich dem Betrachter ein »heiliger Schauer« oder Unbehagen im Stehen und Sitzen vor der Wandinstallation überkommt oder sich Erinnerungen aus Hobby-Bastlertagen und Erlebnisse aus Sonntagsspaziergängen verschränken.«

fig. 4 Detailansichten Substrukur einer idealtypischen Welt

»…ganz wie am Busen des Todes«, Ausstellung in der Galerie Peripherie 2001 »Zentralorgan 5«, Dokumentation, 2002


CITATION/BIBLIOGRAPHY John, Ruediger: ›Substruktur der idealtypischen Welt / substructure of the idealized world‹, Baden-Baden 2001

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