Was ist Transferkunst?

What is Transfer Art?

Ein Terminus für transdisziplinäres, künstlerisches Arbeiten

erschienen in: JUNI kunst zeit schrift

Klaus Heid, Ruediger John



Die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen, Diskurs- und Wissenstransfer sind heute wichtiger als jemals zuvor. Denn in der Arbeits- und Berufswelt, auch im Bereich der Forschung, erleben wir eine paradoxe Situation: Einerseits wird vom Einzelnen eine verstärkte Spezialisierung innerhalb seines Tätigkeitsfeldes, andererseits mehr Flexibilität gefordert – ein Spagat, der nur schwer gelingt. Kann die Kunst hier Funktionen als transdisziplinäres Agens übernehmen?

Wir erleben einen Prozess, in dem sich der Horizont künstlerischer Tätigkeit hin zu fundiertem, gesellschaftsorientierten Arbeiten öffnet und dabei Wirtschaft und Wissenschaft die Chance bietet, von qualifizierter künstlerischer Kompetenz zu profitieren. Der Mehrwert, der daraus entsteht, ist nicht nur ein ökonomischer, sondern ein im umfassenden Sinn kultureller. Der Schlüssel dafür ist Kunst als Transferdisziplin – kurz: Transferkunst.

Transfer in der Wissensgesellschaft

Kunst fördert nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung bzgl. ästhetischer Kompetenz und Wahrnehmungsfähigkeit, sie erbringt auch eine gesellschaftliche Transferleistung. Wir sprechen von »Transferkunst«, wenn künstlerisch-ästhetische Strategien die kritische, differenzierende Vermittlung lebenspraktischer Bedürfnisse an Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zum Ziel haben – sowie umgekehrt die Kommunikation und Integration von Erkenntnissen und Erfahrungen dieser Subsysteme in der Gesellschaft. Damit kann Kunst in einem der wichtigsten Bereiche unserer so genannten »Wissensgesellschaft« eine entscheidende Rolle im Wissens- und Know-how-Transfer einnehmen.

Mit unterschiedlichen interventionistischen Strategien erweitern Künstlerinnen und Künstler ihren Aktionsraum. Sie fühlen sich nicht länger einem objektzentrierten Kunstmarkt verpflichtet, sondern finden und erfinden operative, prozesshafte Formen in der Zusammenarbeit mit Partnern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Neben der strategischen Handlungsoption nimmt dabei die Erforschung und Reflexion systemischer Verhältnisse einen wichtigen Platz ein. Künstlerische Forschung kann so ganz wesentlich zur Vermittlung und Aneignung von innovativer Welterfahrung beitragen.

Künstlerische Forschung

Künstlerische Forschung mag als Terminus für diejenigen ungewohnt sein, die »Forschung« ganz selbstverständlich durch das Attribut »wissenschaftlich« ergänzen. Sie verengen ihren Blickwinkel damit auf eine Methode, die in der heutigen Form seit rund 350 Jahren, seit der Idee der Subjekt-Objekt-Spaltung durch Descartes, betrieben wird. Den Beginn künstlerischer Forschung können wir mit dem Erscheinen des Buches »Das Buch von der Kunst« von Cennino Cennini um das Jahr 1400 datieren. In diesem Buch werden zum ersten Mal (soweit bekannt) nicht nur künstlerische Techniken und Rezepturen beschrieben, systematisiert und damit allgemein reproduzierbar, es behandelt auch ausführlich die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft und liefert damit eine – aus heutiger Sicht soziologische – Definition der künstlerischen Tätigkeit als Subsystem.

Was unterscheidet die künstlerische von der wissenschaftlichen Forschung? Künstlerische Forschung ist nicht an konventionelle Paradigmen der Wissenschaftlichkeit gebunden, sie kann ohne dogmatischen Methodenzwang agieren (wobei ein gemeinsames Grundmotiv beider Formen das Zweifeln-als-Methode ist), kann ohne Rücksicht auf die Definitionsmacht von Spezialisten in unterschiedlichsten Lebensbereichen erkenntnisfördernd tätig werden, dabei das Subjekt als Parameter einsetzen und ästhetische Kriterien bei der Konstruktion von Wirklichkeiten zu Grunde legen – um nur einige der wichtigsten Faktoren zu nennen.

Kunst als Reflexionsarbeit

Die visuell-ästhetische Umsetzung des Forschungsprozesses und seiner Ergebnisse eröffnet unter anderem für die Bereiche Wirtschaft und Wissenschaft neue Perspektiven im Prozess- und Projektmanagement. Transferkunst steht für eine Methode ästhetisch-reflexiver Erzeugung und Vermittlung von Erkenntnissen und Bedeutungen; Reflexionsarbeit wird dabei in ästhetischer Form geführt und daraus gewonnene Erkenntnisse in den inhaltlichen Diskurs zurück transferiert.

Transferkunst erfüllt dabei wesentliche Schlüsselfunktionen innerhalb der modernen Wissensgesellschaft: Sie trägt zum Erkenntnisgewinn bei, gestaltet dessen Vermittlung und unterstützt die Integration in die alltägliche Lebenspraxis. Künstlerische Kompetenz kann so als ein Katalysator verstanden werden, der gesellschaftlichen, ökonomischen oder wissenschaftlichen Prozessen Dynamik verleiht und ihnen kritische, innovative und nachhaltige Impulse gibt.

Künstlerische Praxis

Die Künstler Klaus Heid und Ruediger John haben in ihrem künstlerischen Forschungsprojekt Grundlagen, Differenzen und exemplarisch Positionen untersucht, aktuelle Unternehmungen der o.g. Zielsetzung ausgewertet und erste Ergebnisse zusammengefasst. Sie zeigen dabei auch Konfliktfelder zwischen allen gesellschaftlichen Subsystemen auf. Dabei wird deutlich, wie weit die Meinungen, in welcher Form der Beitrag der Kunst in Wissenschaft und Wirtschaft erfolgen kann, auseinander gehen.

Klaus Heid und Ruediger John stellen fest, dass dies vor allem aus der undifferenzierten Nutzung von Begriffen, disparaten Kriterien, teilweise naiven Vorstellungen und mangelndem transdisziplinären Dialog resultiert. Dies macht sich auch in wechselseitigen Zuschreibungen über das jeweils andere Tätigkeitsfeld bemerkbar.

Künstlerische Kompetenz kann einen wichtigen Beitrag in wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Prozessen leisten. Dort wird oftmals jedoch viel über Kunst und deren Nutzbarmachung nachgedacht, ohne dass man künstlerische Kompetenz in ausreichendem Maße mit einbezieht. Außerdem können weder Künstler, noch Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft, die durch ihren tradierten Kanon festgelegt sind, als Teilnehmer im transdisziplinären Diskurs fungieren.


CITATION/BIBLIOGRAPHY Zitate und bibliographischer Verweis unter: Klaus Heid, Ruediger John: ›Was ist Transferkunst?‹ in: JUNI kunst zeit schrift, 2003

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