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»Intervenieren heißt natürlich, kritisch zu intervenieren«

Prof. Dr. Gernot Böhme im Gespräch mit Klaus Heid
Darmstadt, 30. April 2002

Wie sieht das Arbeitszimmer eines Aesthetikers aus? Die Frage liegt auf der Hand, wenn man einen Philosophen trifft, dessen bekanntestes Buch >Atmosphäre< heißt und der sich darin mit Fragen zu ökologischer Naturästhetik und ästhetischer Ökonomie beschäftigt. Gernot Böhme (65) steckt allerdings mitten im Umzug, von der dritten in die zweite Etage des Darmstädter Schlosses, in dem die philosophische Fakultät der Technischen Universität untergebracht ist. Und das neue Zimmer, das er gerade bezieht, sieht eben aus wie ein Zimmer, das gerade eingeräumt wird.
Im Flur stapeln sich Bücherkisten. Der Schreibtisch steht schon an seinem Platz, quer zum Fenster, davor Bücherstapel, dahinter ein bereits eingeräumtes Bücherregal. Bilder lehnen an der Wand, auf sie kommen wir im Gespräch zurück. Der etwa vier Meter hohe Raum wirkt nüchtern und angegraut, vor allem wegen des langen, dunkelgrauen Vorhangs, der das hohe Fenster massig einfasst. Die gegenüberliegende Wand ist von einem Einbauschrank in dunklem Holzfurnier ausgefüllt, hinter dessen Türen sich nicht nur Stauraum, sondern auch eine Garderobe und vermutlich ein Waschbecken verbergen.
Gernot Böhme plädiert für eine Renaissance der sinnlichen Wahrnehmung, der (Wieder-)Entdeckung des Atmosphärischen in unserer Umwelt. Schließlich sind es unsere elementaren Körpersinne, mit denen wir uns selbst und die Welt entdecken. Die Kunst ist für Gernot Böhme weder das alleinige, noch das wichtigste Gebiet der Aesthetik. Die Ökonomie hat ihr mit ihren Ästhetisierungskonzepten längst den Rang abgelaufen. Während die Kunst zunehmend auf intellektuelle Konzepte setzt, dominiert die Warenwelt unsere sinnliche Wahrnehmung.
Gernot Böhme sieht darüber hinaus die Gefahr, dass die Kunst durch die Wirtschaft funktionalisiert werden könnte und ihre Unabhängigkeit verliert. Ein kritischer Ansatz, der an der Universität Witten/Herdecke wohl nicht sehr gut ankam; am dortigen Forschungsprojekt >Wirtschaftskultur durch Kunst< ist er jedenfalls seit kurzem nicht mehr beteiligt.
Wer mitten im Umzug steckt hat wenig Zeit – legen wir also los: Prof. Dr. Gernot Böhme studierte Mathematik, Physik, Philosophie in Göttingen und Hamburg. Von 1965 bis 1969 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, seit 1977 ist Gernot Böhme Professor für Philosophie an der TU Darmstadt.

Professor Böhme, Sie waren Mitglied im Forschungsprojekt >Wirtschaftskultur durch Kunst< der Universität Witten/Herdecke. Die Wirtschaftskultur ist zur Zeit in der Krise: Entlassungen werden als Erfolge gefeiert, Shareholder Value bestimmt das unternehmerische Handeln. Und nun soll die Wirtschaftskultur mit Hilfe der Kunst verbessert werden. Wie kann das funktionieren?

Gernot Böhme: Ich bin in dieser Hinsicht eher skeptisch. Natürlich haben Künstler und Kunstvermittler ein Interesse an der Kooperation mit der Wirtschaft. Die Wirtschaft wiederum hat grundsätzliches Interesse an Methoden, die zu mehr Effizienz und Effektivität führen. Managern kann man sicherlich etwas bieten, indem man an den Kreativitätsbegriff anknüpft und das Innovative der Kunst hervorhebt, die Wahrnehmungsschulung; aber verbessert sich dadurch die Wirtschaftskultur? Ich persönlich meine, dass dieses Vorhaben eigentlich nur dann als authentisch zu bezeichnen ist, wenn man gegenüber der Wirtschaft auch den Anspruch erhebt, dass die Kooperation mit Künstlern und Kunstvermittlern zu einer Humanisierung des Wirtschaftsbetriebes führt. Gegen Dinge wie rücksichtslose Rationalisierung und Tendenzen zu Monopolstrukturen müsste man eine oppositionelle Haltung einbringen – und das heißt: Eigentlich ist diese Art von Kooperation im Grunde nur möglich, wenn man sich an bestimmte engagierte Unternehmer anhängt. Sonst sehe ich ein bisschen schwarz und die Gefahr der Funktionalisierung der Kunst. Zunächst hat man heute Anlass, die Wirtschaft zu kritisieren.

Sie schreiben in Ihrer >Kritik der ästhetischen Ökonomie<: »Ein Großteil der gesamtgesellschaftlichen Arbeit ist ästhetische Arbeit oder Inszenierungsarbeit. [...] Die produzierten Werte sind in dieser Phase des entwickelten Kapitalismus in wachsendem Maße ästhetische Werte.«

Gernot Böhme: In gewisser Weise ist die Aesthetik nichts, was wir an die Wirtschaft heranbringen müssen, sie ist längst ästhetisiert. Die Wirtschaft in den westlichen Industrienationen steht vor dem Problem gesättigter Märkte. Würde man von konstanten Bedürfnissen der Menschen ausgehen, könnte man nicht länger auf Wachstum setzen. Sind die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt, dann muss die Wirtschaft, vor allem, wenn sie wachsen will, auf etwas anderes im Menschen setzen, was ich >Begehrnisse< nenne. Begehrnisse sind solche Bedürfnisse, die durch ihre Befriedigung nicht gestillt, sondern gesteigert werden. Davon gibt es eine ganze Reihe, ein klassisches Beispiel ist der Ruhm. Wer berühmt ist, will noch berühmter werden. Im trivialen Sinne hängt das mit der Verbildlichung der Welt zusammen. Jedermann will heute gesehen werden und wenn er gesehen wird, kann er nicht genug davon bekommen. Diese unglaubliche Explosion der Verbildlichung der Welt, die ja wirklich die Massen erfasst hat, hat ein Begehrnis geweckt, das immer weiter gesteigert werden kann. Walter Benjamin hat in den dreißiger Jahren von dem »Menschenrecht, gefilmt zu werden« gesprochen. Und das wird allmählich realisiert.

Andy Warhol sagte: »Der Beruf der Zukunft ist nicht Autoschlosser, sondern einmal berühmt zu werden.«

Gernot Böhme: Genau. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Wirtschaft heute hier im Westen bereits auf Güter oder Werte setzt, die im Großen und Ganzen als ästhetisch anzusehen sind. Sie dienen, sagen wir ruhig, der Verschönerung des Lebens, allgemeiner: der Steigerung des Lebens ...

Steigerung des Lebens in welcher Hinsicht?


[...]


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