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»Ich bin der freundliche Parasit«
Dorcas Müller im Gespräch mit Bettina Reichmuth
Karlsruhe, Juli 2002
Die künstlerische Arbeit von Dorcas Müller (29) beschäftigt sich mit Schnittstellen am menschlichen Körper, der Blutegel ist seit 1998 ihr wichtigstes Arbeitsmaterial im Bereich performatives Video und Fotografie. 2000 stieß die Künstlerin auf die Neurochipforschung von Prof. Peter Fromherz. Der erste funktionsfähige Neurochip, Schnittstelle zwischen technischem und organischem Material, entstand unter Verwendung von Siliziumchips und lebendigen Blutegelhirnzellen zu Beginn der neunziger Jahre in seiner Forschungsabteilung für Membran- und Neurophysik im Max-Planck-lnstitut in Martinsried/München. Mit einem Durchmesser von 60 Mikrometern sind diese so genannten >Retziuszellen< für Zellmaßstäbe außergewöhnlich groß und eignen sich deshalb besonders gut für Forschungszwecke.
Im Mai 2000 fuhr Dorcas Müller zu einem Gespräch mit Prof. Fromherz nach Martinsried. Das spontane, aus dieser Begegnung resultierende Angebot, in seiner Abteilung und mit seinen technischen Geräten Arbeiten herstellen zu können, nutzte sie 2001/2002 ein Jahr lang.
Diese Zusammenarbeit bringt zwei Perspektiven zusammen: richtet Wissenschaft ihren Fokus auf das biologische Material, um es isoliert zu untersuchen, befragt der künstlerische Ansatz von Dorcas Müller das Zusammenwirken des Untersuchungsobjekts mit den ihn umgebenden Kontextfaktoren.
Die dort entstandenen Videos und Fotografien untersuchen Anschlussstellen zwischen dem physisch realen, menschlichen Körper und dem digitalen Netz. In fast allen ihren Arbeiten aber dominiert der leibliche, performative Akt den bildnerischen Inhalt und rückt dadurch den Körper wieder in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Insofern spielt Dorcas Müller ein wissenschaftliches Verfahren mit anderen Zielsetzungen exemplarisch durch. Die Differenz zwischen ihren mitgebrachten Vorstellungen und den am MPI gemachten Wahrnehmungen erzeugt im performativen Video ein verändertes Bild des dortigen wissenschaftlichen Modells. Beispielsweise sind im Video >Die Erschaffung des Neuros< die Komponenten Chip-Blutegelhirnzelle-Mensch in die unmittelbar zu erfahrende Welt übersetzt: Ein lebendiger Blutegel pumpt Information zwischen einem (echten) Neurochip und einer menschlichen Hand, doch die Verbindung ist nicht von Dauer.
Dorcas Müllers Arbeit führt den Betrachter über einen ästhetisch-formalistischen Zugang hin zu einer sozialen und wissenschaftlichen Ebene: durch persönliche Kontaktaufnahme hat sie sich Zugang und künstlerische Handlungsfreiheit in der Neurochipforschung des Max-Planck-Instituts erschlossen. An den daraus resultierenden Aufnahmen lässt sich ihre ursprüngliche Fragestellung nach der Rolle des realen Körpers in der Wissenschaft sinnlich nachvollziehen.
Dorcas Müller, du arbeitest seit Mai 2001 mit der Forschungsabteilung für Membran- und Neurophysik des MPI in Martinsried zusammen. Woher stammt dein Interesse für Naturwissenschaft?
Dorcas Müller: Ich interessiere mich für die sinnliche, triebhafte Motivation, die den Menschen zum Forschenden macht und die Naturwissenschaft ist nur ein Teilbereich davon, der besonders straff organisiert ist. Sozusagen ein Separee, das nur dazu da ist, mit den Einzelteilen der Welt in Kontakt zu treten. Eine besonders dichte Atmosphäre, in der es für mich viel zu sehen gibt.
Gab es Hürden für diese Zusammenarbeit?
Dorcas Müller: Um von außen in die Forschung eindringen zu dürfen, muss man zumindest einmal beweisen, dass man ein mindestens ebenso triebhaftes, wenn auch fachfremdes Anliegen hat, dabei zu sein. Das wurde mir als Künstlerin dann auch geglaubt.
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Glossar n Glossary n kritische Ästhetik künstlerische Kompetenz künstlerische Forschung ästhetische Intelligenzen transdisziplinär Wirtschaftskultur durch Kunst public understanding of science and humanities Transferkunst Transfer Art, Transferart third culture new business ethics modern economy Wirtschaft und Ethik Wissenschaft und Kunst politics and aesthetics Politik und Ästhetik Ruediger John Klaus Heid
© 2003 Bettina Reichmuth, Dorcas Müller, Klaus Heid, Ruediger John, [sic!] - Verlag für kritische Ästhetik / Publishing house for Critical Aesthetics / Maison d'édition pour Esthétique Critique / Casa editorial para la Estética Crítica / Casa publicando para o Aesthetics Crítico / Casa editrice per Estetica Critica / Uitgeverij voor Kritieke Esthetica DCM
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