Mit Kunst Unternehmen verändern

Interview mit Ruediger John in Universalis, Ausgabe 10, November 2017


Universalis

Ruediger John arbeitet seit Mitte der 90er-Jahre forschend und praktisch zu Kritischer Ästhetik, Künstlerischer Forschung und Systemischer Kunst in zahlreichen Projekten, Ausstellungen und Publikationen. Seit 2008 lehrt er als freier Dozent im Fachbereich Wirtschaft. Er ist bekannt für seine gesellschaftsorientierten, interventionistischen Arbeiten und seinen transdisziplinären Forschungsansatz. Wir möchten mehr darüber erfahren.

Universalis: Was genau bedeutet gesellschaftsorientierte Kunst für Sie?

Ruediger John: Dass sie nicht im traditionellen Sinne gedacht wird, also die Kunst als eine Insel – separiert vom Rest der Gesellschaft, sondern dass Systeme aufeinander wirken. Und wenn man sich bewusst entscheidet, an Schnittstellen von Systemen in der Gesellschaft tätig zu sein, dann ergeben sich neue künstlerische Fragestellungen und Vorgehensweisen, um zu wirken.

Universalis: Und interventionistische Kunst?

Ruediger John: Sie beabsichtigt eine direkte und eine indirekte Wirkung, eine mittelbare und eine unmittelbare und berücksichtigt in einer kritischen Ästhetik die Selbstreflexion und soziale Dynamik: Was und wer wirkt auf welche Weise? Im Gegensatz beispielsweise zum Künstler, der sein Bild allein im Atelier malt und es gar nicht präsentiert oder in einer Galerie zum Verkauf anbietet, und auch nicht daran interessiert ist, was der Betrachter darüber denkt.

Universalis: Können Sie ein Beispiel für eine solche Wirkung nennen?

Ruediger John: Sie soll dazu führen, aus tradierten Verhaltensmustern auszubrechen und Wagnisse einzugehen. Das kann mit kleinen Disruptionen beginnen wie ich zum Beispiel mit einer Konzernleitung vereinbart hatte, dass sie ihre Sakkos auf links gedreht tragen. So habe ich in deren typische, uniformierte Fassade eingegriffen. Für manche stellt schon solch eine kleiner Ausbruch eine große Herausforderung dar. Meist begleiten meine Arbeiten Prozesse über längere Zeiträume, beziehen unterschiedliche Gruppen in Unternehmen ein und betreffen dabei sowohl Individuen als auch die Organisation.

Universalis: Welche Rolle nimmt in diesem Moment der Künstler ein?

Ruediger John: Ich beginne oft zunächst einmal als kritischer Beobachter und interpretiere einen ursprünglichen Auftrag in meiner künstlerischen Freiheit, um Grenzen zu übertreten oder zu verschieben. Welche Themen ich im Unternehmen anspreche wird durch die Situationen und meine Haltung als Künstler beeinflusst. Und dann ist es natürlich meine Aufgabe, zu initiieren, zu lenken, zu präzisieren, zu begleiten, die richtigen Fragen zu stellen und Erleben und Reflexion anzustoßen.

Universalis: Was bedeutet es für ein Unternehmen, wenn es sich auf künstlerische Prozesse eingelassen hat?

Ruediger John: Die Arbeit in und mit einem Unternehmen ist eine situative, die sich also auf den Ort, auf die Organisation und die soziale Situation bezieht. Sie ist vielfältig und die künstlerische Intervention verfolgt nicht nur ein Ziel oder Ergebnis. Es werden Prozesse angestoßen, über die es auch nur bedingt eine Kontrolle gibt – und das ist auch das Wertvolle daran. Es geht ja nicht darum, einem Unternehmen etwas aufzuoktroyieren. Ich führe auch Gespräche mit meinen Auftraggebern, aber im Gegensatz zum Unternehmensberater, der einen Auftrag zu erfüllen hat, fühle ich mich als Künstler frei. Kunst ermöglicht es, ein anderes Wertesystem bestehenden beizustellen und zu verfolgen. Und sie muss es sogar, um relevant zu sein.

Universalis: Ist es möglich, dass das Unternehmen plötzlich mit ganz neuen Problemen konfrontiert wird?

Ruediger John: Genau. Es ist nicht Aufgabe der Kunst, Lösungen anzubieten oder Ablenkung zu schaffen. Vielmehr geht es um Wahrnehmung und Erleben. Man erkennt und empfindet Gegebenheiten, die man vorher nicht so wahrgenommen hat. Und das heißt nicht, dass man gleich eine Lösung mitgeliefert bekommt. Erst danach stellt sich die Frage, wie die Organisation und das Individuum damit umgehen.

Universalis: Warum werden solche Projekte mit Studenten durchgeführt?

Ruediger John: Es ist gut, wenn während eines Bildungsprozesses früh der Horizont erweitert wird und es ist wichtig zu erkennen, dass es unterschiedliche und gleichzeitig gültige Sichtweisen auf Situationen gibt. Zum Beispiel im Unternehmen neben dem Controlling und Marketing auch einen Blick auf die gesellschaftliche Relevanz zu haben. Die Multiperspektivität auf eine Organisation und das eigene Handeln möglichst früh zu verstehen und im eigenen Tun zu implementieren und zu reflektieren ist ein großer Vorteil für künftige Entrepreneure, Entscheider und Unternehmensgestalter.

Universalis: Wie reagieren die Studierenden?

Ruediger John: Sehr unterschiedlich. Manche Studierenden sind enttäuscht, weil ihr Kunstverständnis noch sehr im allgemeingesellschaftlichen Verständnis verhaftet ist und wundern sich, was es mit Kunst zu tun hat, wenn man sich auf einer abstrakteren oder prozessualen Ebene mit solchen Fragestellungen beschäftigt. An dieser Stelle werden die Studierenden sehr gefordert, merken dann aber auch, wie sich ihr Kunstverständnis entsprechend erweitert. Solche Studierenden, die vielleicht gar keine Erwartungen hatten, stellen fest, dass sich ihre Reflexionsfähigkeit in der ästhetischen Arbeit manifestiert. Damit bewegen sie sich künftig auch erfahrener in den Spannungsfeldern zwischen Wert und Werten, Wissen und Verstehen, Theorie und Praxis.

Universalis: Können die Studenten die Wirksamkeit solcher Projekte erkennen?

Ruediger John: Der Vorteil ist, dass viele BWL-Studierende parallel zum Studium in Unternehmen tätig sind und damit gleichzeitig der Praxis und der Theorie ausgesetzt sind. Sie erleben Situationen im Unternehmen und kommen mit Fragen wieder an die Hochschule zurück. An diesen arbeiten sie dann gemeinsam mit Lehrenden und Kommilitonen. Das Positive an den Alanus-Studierenden ist, dass sie kritische Fragen stellen, sehr klar mit der Intention, Neues zu erfahren und dies mit ihrer Praxiserfahrung zu verbinden. Das erzeugt ein Mehr an Relevanz des Gelernten und damit Kompetenz. So kann man gemeinsam Wirtschaft neu denken.

Universalis: Kann der künstlerische Prozess einen Beitrag zur Forschung leisten?

Ruediger John: Ich arbeite häufiger als Partner in Forschungsprozessen, da gibt es einige Themen, zum Beispiel: Mit welcher Sichtweise schaue ich auf eine bestimmte Fragestellung? Wie formuliere ich eine Fragestellung und wie viel Variabilität lasse ich zu? Gehe ich deduktiv oder induktiv vor? Hier kann die Fähigkeit der ästhetischen Herangehensweise bei Prozessen eine große Rolle spielen.

Universalis: Warum sollte sich ein Unternehmen künstlerischen Interventionen stellen?

Ruediger John: Erstens: Wer kein Risiko eingeht, geht das größte Risiko ein. Weil es als Entrepreneur nicht nur darum geht, Prozesse zu optimieren und Produkte zu vermarkten, sondern um ein visionäres Momentum des Unternehmens als zoon politikon. Der zweite wichtige Punkt ist, dass man einen frischen Blick auf bestimmte Dinge wirft und damit eine Multiperspektivität schafft. Und der dritte Punkt ist, dass eine kritische Relativierung von Handlungen ermöglicht wird. Mit kritisch meine ich nicht das Kritisieren im Sinne des Negativen, sondern in der Bedeutung des Unterscheidens, eine erweiterte Reflexionsgröße zu entdecken.

Universalis: Gibt es in Ihrer Arbeit Überraschungsmomente?

Ruediger John: Wenn ich selbst in einem Prozess überrascht werde, dann weiß ich, dass ich die Kontrolle über den Verlauf und die Ergebnisse abgegeben habe. Das ist ein wichtiges Qualitätskriterium für mich und meine Chance für Erkenntnisse. Die gibt es sehr häufig und sie sind Teil der immateriellen Belohnung dessen, was ich tue.

Bonn 2017

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CITATION/BIBLIOGRAPHY Wedel, Julia: ›Ruediger John - Mit Kunst Unternehmen verändern‹, Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Universalis, Ausgabe 10, November 2017https://artrelated.net/ruediger_john/mit-kunst-unternehmen-veraendern.html