In etablierte Systeme ästhetisch eingreifen

Interview mit Ruediger John anlässlich der Veröffentlichung der dritten Ausgabe des Magazins für Zwischenfragen

Bertram Rusch



Ruediger John greift im Rahmen künstlerischer Interventionen in Unternehmen in bestehende Abläufe und Routinen ein um eine „kontextuelle Verschiebung und damit eine Wahrnehmungsveränderung“ hervorzurufen. So lassen sich beispielsweise neue Perspektiven auf der Ebene ganzer Organisationen, bestimmter Teilgruppen oder auch Einzelpersonen gewinnen. Eine dieser Interventionen führt er nun im Rahmen des „auf“-Magazins durch das er künstlerisch konzipiert hat und dessen erste drei Ausgaben von ihm als als Creative Director operativ umgesetzt wurden.

Bertram Rusch: Künstlerische Interventionen sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit – was bedeutet das für Sie genau?

Ruediger John: Jedes gesellschaftliche Subsystem, oder vereinfacht gesagt “Umfeld”, wird durch seine spezifischen Hierarchien, Handlungen und Wahrnehmungen definiert, welche innerhalb seines Kontextes Bedeutung generieren. Eine Intervention, also einen Eingriff in diese, dort bestehenden Abläufe und Routinen können eine kontextuelle Verschiebung und damit eine Wahrnehmungsveränderung hervorrufen. Diese im künstlerischen Sinne zu steuern und ästhetisch manipulierend einzugreifen begreife ich als essentielles Element gesellschaftlich wirksamen, künstlerischen Handelns.
Es geht also nicht darum, im Sinne einer klassischen Kunst- und Künstlerauffassung meiner Subjektivität zu einem öffentlichen Auftritt zu verhelfen, sondern vielmehr als Agent bestehende Situationen zu analysieren, vorhandene Tendenzen zu erfassen und mit diesem Potential und ästhetischen Eingriffen Richtungswechsel, Dammbrüche, Mehrdeutigkeiten, Krisen und andere Erkenntnishöhepunkte zu schaffen.

Bertram Rusch: Was zeichnet das Konzept des »Magazin für Zwischenfragen« aus – das Sie für die Zeppelin Universität entwickelt haben?

Ruediger John: Das Magazin wurde von mir bereits in der Grundkonzeption als serialiertes Experiment angelegt, in dem der visuell-ästhetische oder künstlerische Beitrag nicht ornamentierend oder illustrierend, sondern als den wissenschaftlichen Texten gleichgestellter Beitrag angelegt ist und sich dabei nicht nur durch die Publikation mäandernd zieht, sondern dabei auch, mal engere, mal weitere Assoziationen zu den Texten und Themen eingeht. So bildet er eine, mit den Texten verwobene, Ebene in der Publikation. Zugleich definiert der künstlerische Beitrag das Magazin als Objekt und gibt jeder Ausgabe einen individuellen Gesamteindruck. Spannend bei der Entwicklung des Magazines war auch, dass mich die Zeppelin Universität eingeladen hatte, die Publikation im Grundsätzlichen zu entwerfen; so habe ich redaktionelle Elemente, wie die Zwischenfragen und das Tokensystem entwickelt, welche das Magazin mitdefinieren.

Bertram Rusch: Welche Idee verfolgen Sie mit der aktuellen, individualisierten Ausgabe?

Ruediger John: In dieser Ausgabe werden politische und gesellschaftliche Bewegungen und Auseinandersetzungen thematisiert, welche sich unter anderem durch ihre Uneinheitlichkeiten, Vielschichtigkeit oder auch widersprüchliche Ungesteuertheit auszeichnen – dies alles im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft. Das findet assoziative Entsprechungen durch den künstlerischen Eingriff, bei dem der Druckprozess – ausgehend von einem Irisdruck – in so weit verändert wurde, als dass sich die Farbmischungen auf den Seiten und auf dem Umschlag sukzessive vermischen und nurmehr Farbtendenzen zu erkennen sind – zugleich aber jedes einzelne Heft zum individualisierten Unikat wird. Die drei verschiedenen Titelmotive, welche unterschiedliche Perspektiven auf das Thema und implizit der Frage von Macht einnehmen und zugleich kritisch befragen, tragen mit dazu bei, dass man sich als Besitzer eines Heftes sehr klar ist, nur einen ausschnitthaften und damit unvollkommenen Eindruck zu erhalten.

Bertram Rusch: Es wurde manuell in den maschinellen Prozess eingegriffen – wo liegt hierin der Reiz für Sie?

Ruediger John: Ich arbeite gerne mit vorhandenen Situationen in Unternehmen und Organisationen, in der Wirtschaft, als auch in der Wissenschaft und versuche herauszufinden, welche Freiheiten und Erkenntnismöglichkeiten durch einen Perspektivenwechsel oder auch durch eine Umnutzung und Umdeutung von Prozessen und Techniken möglich sind. In diesem Falle war auch der Herstellungsprozess, welcher auf gleichbleibende Qualität und Uniformität optimiert ist, einer der Punkte an dem ich eingegriffen habe. Indem wir ganz konkret die Druckmaschine geöffnet und manipuliert und damit die Computersteuerung ausgetrickst haben, hatten wir mehr Möglichkeiten als zuvor um Neues entstehen zu lassen. Zugleich gab es dadurch auch Raum für zufällige Entwicklungen, also Ergebnisse welche ausserhalb unserer Planungsvorgaben lagen und somit selbst für die direkt Beteiligten – inklusive den erfahrenen Bedienern der Maschine – die Chance auf neue Erkenntnisse ermöglichte. Der Prozess vor Ort in der Druckerei war dadurch auch ein hoch kommunikativer und eine sehr produktive, gemeinsame Erkenntnisarbeit.

Bertram Rusch: Finden sich Schwierigkeiten in solchen Prozessen und besonders in dem der Zeitschrift?

Ruediger John: Schwierigkeiten gibt es in allen Prozessen, solchen, welche den Alltag in Unternehmen bestimmen, als auch jene, die nicht den normalen Routinen entsprechen. Die entscheidende Frage ist, wie eine Organisation oder Gemeinschaft mit diesen umgeht; wie sie sie löst, aber vor allem wie sie sie als Erkenntnis-Ressource nutzt. Ich persönlich widme mich als Künstler genau diesen Situationen, in denen Erwartung und Reaktion, Wirkung und Bedeutung, Planung und Kommunikation nicht konvergieren und beispielsweise als emotionale, problemhafte oder gar ineffiziente Momente empfunden werden. Hier kann ich in meiner Weise kritisch-ästhetisch wirksam eingreifen und spannende Ergebnisse entstehen lassen. Dazu bedarf es mehr als dem klassischen Selbstverständnis als Künstler, nämlich vielmehr Erfahrungen und Wissen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen, der Wirtschaft und Wissenschaft um eine Transferleistung zu ermöglichen. Im Falle des Magazines waren die Vorbedingungen sehr gut, denn die Zeppelin Universtät war zu einem Risiko bereit und die Zusammenarbeit bestimmt von dem Willen, viel weiter zu gehen, als das was beispielsweise Hochschulmagazine, wissenschaftliche Journals aber auch Kunstzeitschriften mit Künstlerbeiträgen machen. Das Magazin bleibt weiter ein Experiment und Work-in-Progress, das muss nicht jedem sofort offensichtlich sein oder gefallen, muss aber anregen oder – noch besser, meine ich – aufregen.

Bertram Rusch: Bedeutet die zunehmende Perfektionierung in »smarten« Systemen und mit intelligenter Technologie eine notwendige Zunahme menschlicher »Interventionen«, oder wird es hierbei bei Randphänomenen bleiben?

Ruediger John: Ja, das Stichwort ist “Perfektionierung”, welche allzu häufig auch eine Konfektionierung und Anleitung, bis hin zu Beschränkungen bedeutet. Man kann deutlich feststellen, wie bestimmte technische Möglichkeiten Ausdrucksformen und Wahrnehmungen im Alltag bestimmen; man nehme nur mal als einfache Beispiele ultraportable Music-Player, Assistentenfunktionen in Gestaltungssoftware, skeumorphe Touchinterfaces, intelligente Newsaggregatoren, Onlinesuche und vernetzte Kurznachrichtendienste – es gibt noch viel zu tun, um etwas Abweichung in den gesteuerten Gang der Dinge zu bringen. Ich denke der Bedarf an echten Primärerfahrungen und individueller Aufmerksamkeit ist bereits da und wird weiter wachsen – zumeist wird er heutzutage wohl noch nicht bewusst als Defizit wahrgenommen, sondern als Fatigue-Symptom, Burn-Out, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, usw. empfunden, aber die Ursachen kann man erahnen.

Bertram Rusch: Ruediger John, herzlichen Dank für das Gespräch.

Friedrichshafen 2013


CITATION/BIBLIOGRAPHY Rusch, Bertram: ›Ruediger John – In etablierte Systeme ästhetisch eingreifen‹, Zeppelin Universität, Friedrichshafen 2013

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