intercultural codes – »Exotik«

Konzepttext (Ausschnitt) für das Hochschulprojekt intercultural codes

Ruediger John



Essay

Exotik ist exogen
Exotik ist das als angenehm empfundene Fremde

Exotik und Paradies

• Paul Gauguin schreibt in Briefen an seine Künstlerfreunde von seinem selbstgewählten Paradies, den exotischen Riten und schönen Frauen, dem Leben direkt von dem was die Natur liefert, während er krank, von Malaria und Gelbfieber gezeichnet, hungernd weil sein Vermögen aufgebraucht ist, in seiner ärmlichen Hütte liegt.

Exotik als das Wahre und Ursprünglichkeit

• Reiseveranstalter beschreiben Zielorte, vorzugsweise Inseln und abgelegene Routen als naturbelassene Reservate, Ruhe und Gelassenheit als besondere Vorzüge, die Freundlichkeit der Einheimischen und den organisierten Abenteuerwert bei Exursionen.

• Eine Zigarettenmarke wirbt mit Cowboys als den wahren, alten/neuen Menschen, Aussteigern und gesunden Naturburschen.

• Weltweit wollen einige Internetuser eine Separatistengruppe, die um ihre Unabhängigkeit und Rechte in Mittelamerika kämpft, unterstützen. Also nehmen sie einen Link auf eine offizielle Unterstützer-Website in ihre Linkliste auf.

Das Exotische als Simulation und Konstruktion

• In der Pressemitteilung eines Freizeitpark-Betreibers wird die Authentizität des im Ruhrgebiet neu eröffneten Parks beschworen, indem darauf hingewiesen wird, daß die »italienische Piazza« von »echten italienischen Handwerkern« unter Verwendung »echten italienischen Baumaterials nach Elementen und Motiven aus mehreren italienischen Städten« geschaffen wurde.

• Ein Radiosender veranstaltet für seine Hörerinnen und Hörer eine Wochenendreise nach Ägypten und verspricht »den ganzen Flair des Landes«, beeindruckende landeskundliche Exkursionen und als Höhepunkt ein 24 Stunden Open-Air Konzert mit ausgewählten, internationalen DJ-Stars mit Lasershow und Feuerwerk vor den Pyramiden.

• Mit der Behauptung, einen repräsentativen Blick auf die aktuelle südamerikanische Kunstszene zu werfen, organisiert ein Museum eine Ausstellung. Ein Dutzend Künstlerinnen und Künstler dieser Provenienz stellen aus, allesamt bereits international bekannt und seit mindcestens einem Jahrzehnt überwiegend in den USA und Europa tätig.

Das Exotische im Globalen

• Wer es sich leisten kann in Vietnam, führt momentan seine Freunde und Lieben ab und zu in die erste neu eröffnete Niederlassung einer internationalen Fast Food Kette aus um etwas Weltläufigkeit, Vermögen und Modernität zu zelebrieren.

Zielsetzung
Die künstlerische Forschung zum Thema und Bedeutungsbereich Exotik soll:

• Widersprüche und Fehler der Differenzierung des Heimatlichen/Eigenen/Selbst im Verhältnis zu dem Fremden/Entfernten/Anderen, durch die Ausbildung und lebenspraktische Meinungsbildung manifestiert, aufdecken und hinsichtlich ihrer Bedeutung des Handelns im Alltag, der Entscheidungsfindung im Umgang mit als fremdartig titulierten Situationen untersuchen

• Die Studie soll Defizite im Wissen und Verständnis der Kulturen exemplarisch aufdecken

• Sie soll auch dazu anregen, die kurzfristige, trendthemenorientierte Berichterstattung der Massenmedien in diesen Themenbereichen kritisch zu hinterfragen

• Aus den Erkenntnissen der Bearbeitung der erurierten Materialien im Kontext der Studiengänge bzw. Fachbereiche »Kunst/Kunst- und Designwissenschaften« (Fachhochschule für Gestaltung, Technik und Wirtschaft Pforzheim), sowie »Verbreiterungsfach Bildende Kunst – Intermediales Gestalten« (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart) sollen dauerhafte Veränderungen im Lehrplan entstehen, die stärker als bisher die interkulturellen Kriterien in den dort erlernten Berufen berücksichtigen. Es soll eine generelle Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden, sowie ein stärkeres Problembewußtsein im Umgang und der Auseinandersetzung mit Themen der Globalisierung, Identität und Fremde gefördert werden.

• Eine Publikation soll dazu beitragen, Materialien, Ergebnisse und Erkenntnisse einfach nachvollziehbar und in anderen Ausbildungsumgebungen einsetzbar zu machen.

Aktivitäten
Das Forschungsvorhaben wird sich in folgende Aktivitäten gliedern:

• Das Forschungsvorhaben bedient sich explizit künstlerischer Strategien in der Vorgehensweise, d.h. daß nicht versucht wird ex-actus und in repräsentativen Erhebungen Ergebnisse zu abstrahieren, sondern indem im Umgang mit dem Thema Theorie und Praxis spartenübergreifend intelligent miteinander verbunden wird und reflexiv von der subjektiven Position ausgehend gearbeitet wird. Diese Vorgehensweise wurde bspw. bereits erfolgreich bei folgenden künstlerischen Projekten angewandt.

• In einer transnational angelegten phänomenologisch-exemplarisch orientierten Recherche werden Beschreibungen, Kommentierungen und bild- bzw. objekthafte Repräsentationen der Definitionsmenge »Exotik« recherchiert und zusammengestellt. Dabei wird bewußt der, sonst häufige, ein-Personen-Blickwinkel vermieden, indem mit wissenschaftlichen und technischen Fakultäten verschiedener Hochschulen kooperativ gesammelt wird und dabei insbesondere Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs einbezogen werden. So ist die bspw. Assoziierung von Postkarten mit touristischen Motiven mit ungeschönten Abbildungen der realen Orte ebenso Gegenstand der Untersuchung, wie auch bspw. der Vergleich folkloristischer Riten und Festivitäten in und außerhalb von Clubanlagen in einem Land; der exemplarischen Darstellung der Gestaltung von Wohnumgebungen von Menschen ausländischer Herkunft. Diese Beispiele sind z.T. bereits konkret von Künstlerinnen und Künstlern geplante Vorhaben, die sich durch dieses künstlerische Forschungsprojekt koordinieren und deren Ergebnisse sich dadurch ergänzend darstellen lassen. Es ist intendiert, daß sich weitere und andere Untersuchungen entwickeln und/oder dem Forschungsprojekt angliedern können, also die Maßnahmen und Beteiligungen aus der Arbeit an dem Thema ergeben.

• Das recherchierte Quellenmaterial wird lexikalisch assoziiert und in einer Datenbank ähnlich eines Expertensystems gespeichert. Hierin lassen sich Widersprüche,

Wahrnehmungslücken und sozial-ideologische Verfälschungen aufspüren und kommentieren.

• Aus den eruierten Brüchen und Brennpunkten wird mit den Kooperationspartnern ein Programm zur Vermittlung, der Ausstellung und Vorträge erstellt, welches wiederum in die Datenbank einfließen wird.

• Redaktionell bearbeiteter Inhalt der Sammlung wird in einer multimedial unterstützten Buchpublikation verlegt.

• Studierende der Fachhochschule Pforzheim sowie der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart werden kooperativ in Teilen zu diesem Thema innerhalb ihres Studiums, dessen Studienziele unterstützend, explorativ tätig.

Fachhochschule für Gestaltung, Technik und Wirtschaft Pforzheim (Pforzheim University of Applied Sciences), 2002
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (State Academy of Art and Design Stuttgart), 2002


CITATION/BIBLIOGRAPHY Zitate und bibliographischer Verweis unter: John, Ruediger: ›intercultural codes – Exotik‹, Baden-Baden 2002

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