Kleiner Symbolschaukasten

Einige Anmerkungen zur Installation in der Fußgängerzone in Friedrichshafen

Ruediger John






Ein direkt aus dem Geldbeutel entnommenes Bündel Geldscheine und ein Häuflein verendeter Stubenfliegen ist scheinbar bereits die gesamte Palette der im Schaufenster auf Kniehöhe drapierten und zur Schau gestellten Gegenstände.

Diese Dinge, die, neben der ultima ratio ›Gleichgültigkeit‹ (oder deren Imitation), Begehren und Abneigung (je nach persönlichen Vorlieben) hervorrufen können, stellen also die Grundlage des ›Kleinen Symbolschaukastens‹ dar.

Was sind Symbole; was macht Dinge zu Symbolen? Ja, richtig, die Zuschreibung einer Bedeutung jenseits ihres Nutzwertes1. Wenn sie als bildhafte Helfershelfer uns Betrachter an Erlebtes erinnern und – symbolhaft ausgedrückt – als Anker in diesen emotionalen Grund greifen.

Entscheidend ist aber hierbei die subjektive (persönliche) Empfindung und das direkte Erleben der Assoziationen im Betrachten.

Werden Bedeutungen, gar noch schlagworthaft, aufgezählt und zugeordnet, stören diese Benennungen das eigene Sehen (oder Schauen) – im Umfeld der Kunst trifft das dann oftmals auf Abwehr (schön zu sehen an Attributierungen, wie »profan« bis »didaktisch«) weil das Unerklärliche, Entfernte, Mystische, gerne als besonderer Wert2 künstlerischer Arbeiten angesehen, in Frage gestellt wird. Denn, so die traditionelle Sicht, »Wo kein Geheimnis ist, ist keine Kunst«3 – und trotzdem will der Betrachtende im Populären gerne ein kleines Schildchen neben jedem Kunstwerk oder einen Zettel mit Erklärungen und Sehvorschriften in der Nähe.

Allerdings kommt kein Schaukasten ohne Klassifizierungen aus – eine Sammlung, gleich ob aus Gesteinsproben im Setzkasten, sorgsam aufgespießten Schmetterlingen oder eben anderen Gegenständen aus dem Alltag bestehend, soll ja der Übersicht und Erklärung dienen. Hier wird also die Anleitung zum Sehen, eine Auswahl an westlich geprägten Zuschreibungen als Teil des Werkes, unmißverständlich den Objekten hinter Glas (als zusätzliche Gegenstände) zugeordnet. So kann man das Einzelne nicht mehr falsch (oder: nicht) verstehen – eher noch das Ganze. Wenn dem Betrachter nun die Seharbeit an den primären Deutungen der Dinge abgenommen wird, sollte er doch einfach die Aufmerksamkeit dem Ganzen und dem Nebensächlichen widmen (diese Arbeit wird ihm der Text nicht abnehmen wollen).

Als Symbole eignen sich besonders Phänomene, die dem übereinstimmenden Erfahrungsfeld der Betrachtenden entstammen – im Idealfall ›Universale‹ sind.

Geld, neben bspw. Sex und der regelmäßigen Notdurft, ist ein solches (von wenigen Gesellschaften abgesehen) Kriterium das zur Abstraktion und damit Beschreibung eines Wertes dient – ›eines‹, weil jede Abstraktion eine Vereinfachung darstellt und somit andere Aspekte vernachlässigt4.

Bei einer Ansammlung toter Fliegen ergibt sich, trotz deutlicher Anzeichen eines Massenmordes, ein ganz anderes Gefühlsgemenge. Obwohl möglicherweise von ähnlichem Gewicht wie ein Bündel Geldscheine, fällt die Zuordnung eines Wertes bzw. einer Werthaftigkeit ungleich schwerer – was nicht nur am Fehlen von Ziffern liegt. Es läßt sich nicht so einfach eine Ordnung erkennen bzw. herstellen; das ist, neben einer möglicherweise persönlichen Abscheu vor totem Getier, ärgerlich. Denn Ordnung schafft Klarheit und Sicherheit – und das gefällt uns (Betrachtern) wirklich.

Bei der Benennung von Bedeutungen findet also eine Wertzuschreibung, eine Zu-ordnung statt. Im Kleinen5 finden Sie hier Beispiele (auf die es nicht ankommt) – der Vorgang selbst und dieser im persönlichen ist eigentlich interessant. Probieren Sie das mal mit anderen profanen Dingen, wie Ihrer Sammlung, Ihrem Auto, Ihrem Haustier, Ihrem Nachbarn.

1 Da wir uns mit dem ›Kleinen Symbolschaukasten‹ inmitten von Geschäften als Markenorten befinden: Eine ›Marke‹ unterscheidet sich von einem ›Symbol‹ insbesondere im idealerweise festgeschriebenen Bedeutungs- und Wertehorizont einer Marke – eines zielgerichteten, funktionalisierten Interpretationsraumes. Die Marke ist ein verhurtes Symbol.

2 Eine Phalanx der zeitgenössischen Symbolhandwerker (Künstlerinnen und Künstler) kann davon, gestützt durch die zeitgenössischen Vermittler und Organisatoren (Kuratoren, Kulturmanager und Kunstkritiker) nicht genug kriegen. Diese bezeichnen ihre Machtlosigkeit, d.h. Wirkungslosigkeit im Alltag der Gesellschaft dann u.a. auch als »Freiheit der Kunst«.

3 »›Wo kein Geheimnis ist, ist keine Kunst‹, ist nichts anderes als die Forderung einer bürgerlichen Gesellschaft, sich angenehm an der Kunst wundern zu dürfen um dann ungestört ihren Geschäften nachzugehen.« D. Granosalis, ›vide, dice, impera‹

4 Im übrigen bestimmt immernoch Quantität auch die Wertzuschreibung: Manche haben einfach so 50 Euro in kleinen Scheinen im Geldbeutel, andere sammeln die mit höheren Werten, wieder andere haben gar keines (sondern nur eine Kreditkarte).

5 Diese Diminuierung im Titel hilft Enttäuschungen zu vermeiden, weil der Symbolschaukasten nur wenige Beispiele und auch nur beispielhafte Bedeutungszuschreibungen enthält; zeigt aber auch, daß kein ontologischer Anspruch verfolgt wird – im Gegensatz zum Trend der schlagworthaften Ausstellungstitel (die dies oftmals suggerieren, niemals einlösen und manchmal mit englischsprachigen Begriffen zudem Internationalität simulieren).

Kunst im Kasten, Friedrichshafen 2004


CITATION/BIBLIOGRAPHY Zitate und bibliographischer Verweis unter: John, Ruediger: ›Kleiner Symbolschaukasten‹, Friedrichshafen 2004

[BY-NC-ND] ›Kleiner Symbolschaukasten‹ by Ruediger John is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License. Permissions are available at http://artrelated.net/ruediger_john/